NEUES AUS DER BEETHOVENFORSCHUNG:
JOS VAN DER ZANDEN ZU FERDINAND RIES


 



FERDINAND RIES
 


Im vor kurzem erschienenen Beethoven Journal (Winter 2004, Volume 19, Number 2) stellt der holländische Beethovenforscher Jos van der Zanden die Zeit der Ankunft von Ferdinand Ries in Wien in seinem Artikel "Ferdinand Ries in Vienna:  New Perspectives on the Notizen" zur Diskussion.

In seiner Einleitung zitiert er folgende Passage aus Ries' Brief vom 6. Mai 1803 an Nikolaus Simrock in Bonn, den wir hier im deutschen Originaltext aus der Henle Gesamtausgabe wiedergeben:

" . . . indem ich nun selbst einen vortrefflichen Lehrer habe.  Beethoven gibt sich mehr Mühe mit mir, als ich hätte glauben können.  Ich bekomme wöchentlich dreimal Stunde, gewöhnlich von 1 Uhr bis 1/2 3. . . . " [Quelle:  Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 1, Brief Nr. 136, S. 162; Original: nicht bekannt.  Text laut GA nach der gekürzten Wiedergabe von Erich Hermann Müller, Beethoven und Simrock, in: Simrock-Jahrbuch 2 (1929), S. 21].

Dagegen setzt van der Zanden den Hinweis:

"Yet today it is generally believed that Ries came to Vienna as early as 1801" (van der Zanden, Beethoven Journal, Winter 2004, S. 51; -- van der Zanden schreibt hier, dass heute allgemein angenommen wird, dass Ries bereits 1801 nach Wien kam).

Durch einen kleinen Abstecher in die zeitgenössische Beethovenliteratur können wir dies bestätigt finden:

1.  Im "Personalia"-Anhang seines 2000 erschienenen Beethovenbuchs führt Barry Cooper Ferdinand Ries wie folgt ein:

"Ries, Ferdinand (1784-1838), a prominent composer and son of Beethoven's violin teacher Franz (1755-1846), was another Bonn musician who moved to Vienna, arriving here in 1801. . . . " (Cooper: 384; -- Cooper schreibt hier, dass der bekannte Komponist Ferdinand Ries ein weiterer Bonner Musiker gewesen sei, der nach Wien zog und dort im Jahr 1801 eintraf).

2.  Die 2001 erschienene zweite Ausgabe von The New Grove Dictionary of Music and Musicians verweist in Band 21 auf Ferdinand Ries.  Zitieren wir daraus die relevante Passage:

"In 1801 he studied in Munich with Peter Winder for a short time, earning money by copying music.  With this he kept himself, paid his fees and saved enough to go to Vienna in October of that year, armed with a letter of introduction from Franz Anton.  Beethoven received his old teacher's son well, and gave him much help" (Grove, Bd. 21, S. 369; -- Grove berichtet hier, dass Ries 1801 kurz bei Peter Wintrr studierte (was van der Zanden wiederum disputiert), sich durch Musikkopieren finanziell über Wasser hielt und genug sparte, um im Oktober des Jahres nach Wien zu gehen, wo er mit einem Empfehlungsschreiben Franz Antons (seines Vaters, an Beethoven gerichtet), eintraf.  Beethoven habe den Sohn seines alten Lehrers gut behandelt und ihm viel geholfen).

3.  Auch Klaus Kropfinger verweist in seinem Beethovenbuch von 1801 auf Ries' Ankunft, und zwar in seiner tabellarischen Darstellung Beethoven'scher Lebensdaten:

"Freunde, Bekannte, Schüler . . . 1801 . . . Klavierunterricht Ries (bis 1802)" (S. 25).

4.  In der "Chronology" seines 2003 erschienenen Beethovenbuchs schreibt Lewis Lockwood:

"1801 . . . Stephan von Breuning comes to Vienna, so does Ferdinand Ries, who is to be one of Beethoven's pupils" (Lockwood: 553; -- Lockwood schreibt hier, dass Stephan von Breuning und Ries 1801 nach Wien kamen und dass Ries Beethovens Schüler wurde).

 


 

In seiner Darstellung des kritischen Consensus verweist van der Zanden zunächst auf die Dieters-Riemann-Ausgabe von Thayer (S. 64, n.3), in der der Zeitpunkt von Ries' Ankunft in Wien auf den September/Oktober 1801 mit ziemlicher Sicherheit festgelegt wird und auch darauf hingewiesen wird, dass damit die von Anton Schindler in drei Ausgaben seiner Beethoven-Biographie vertretene Ankunftszeit des Herbsts 1800 korrigiert werde.  Wie van der Zanden weiter schreibt, ist das Thayer'sche Ankunftsdatum vom September/Oktober (der Dieters-Riemann-Ausgabe) von der Beethovenforschung- und Literatur weitgehend angenommen worden, während im Vergleich dazu die Thayer-Forbes'sche Ausgabe von 1964 sich "nicht ganz klar" darüber sei.  Jedoch, so van der Zanden, böten weder Thayer-Forbes noch D. McArdle in seiner Beethoven-Ries-Studie von 1963 ein Alternativdatum.

Machen wir hier wieder einen kleinen Abstecher und lesen wir, was Thayer-Forbes insgesamt zu Ries' Ankunft und erster Zeit in Wien schreibt:

"Just when the young man arrived in Vienna is not clear; the evidence shows that at some point Ries' memory was playing him tricks.  The editor of the Harmonicon (who must have gotten his dates from Ries himself) has him arrive in Munich in 1801[28] and after "some time" travel to Vienna . . . " (Thayer-Forbes: 295; --

Thayer schreibt hier, dass es nicht klar sei, wann der junge Mann in Wien angekommen sei; es gebe Beweise dafür, dass die Erinnerung Ries manchmal einen Streich spielte, da der Herausgeber des Harmonicon, der seine Angaben von Ries selbst erhalten haben muss, seine Ankunft in München auf das Jahr 1801 festlegt und ihn "nach einiger Zeit" nach Wien reisen sieht).

"Already during the first days Beethoven found that he could use me, and I was often called as early as five o'clock, which also happened on the day of the oratorio."  

The oratorio was performed on April 5, 1803, and was written within a short period, presumably just before it was rehearsed.  In a letter to Breitkopf & Härtel in 1804 Beethoven refers to it as the labor of "a few weeks", in later correspondence as the work of "14 days."

But Ries was in close touch with Beethoven well before this time, for he writes (Notizen, p. 117):  "On many occasions he showed a truly paternal interest in me.  From this originated the order (1802), which was written in an ill humour because of an unpleasant predicament into which Carl van Beethoven had gotten me:  "You need not come to Heiligenstadt, I have no time to spare."  At that time Count Browne was indulging himself with pleasures, in which, since he was kindly disposed towards me, I was taking part, and was consequently neglecting my lessons."

There are other references in the Notizen to the summer of 1802, when Beethoven was in Heiligenstadt, which suggests that at this time a relationship between master and pupil had already been well established.  Thus, Beethoven's promise to Ries' father via Wegeler that "in autumn [1801] or winter [1801-1802] I shall see what I can do for him," appears to have been carried out" (Thayer-Forbes: 296; --

-- Thayer zitiert hier zuerst Ferdinand Ries' Bericht, dass Beethoven ihn bereits in den ersten Tagen [nach seiner Ankunft in Wien] brauchen konnte und ihn oft bereits um fünf Uhr früh zu sich rief, wie es auch am Tag der Uraufführung des Oratoriums der Fall gewesen sei.  Dieses Oratorium, so Thayer, sei am 5. April 1803 zur Uraufführung gelangt und sei innerhalb kurzer Zeit komponiert worden, und zwar wohl kurz bevor Proben dazu stattfanden.  In einem Brief an Breitkopf & Härtel im Jahr 1804 schreibe Beethoven von "einigen Wochen" und in späterer Korrespondenz von "14 Tagen."

Wie jedoch Thayer weiter argumentiert, sei Ries mit Beethoven bereits vor dieser Zeit zusammen gewesen, da er in den Notizen geschrieben habe, dass er oft ein väterliches Interesse an ihm darlegte, wie z.B. in der knappen Mitteilung [von 1802]:

"Haben Sie die Güte mir zu berichten, ob's wahr ist, daß Gr.[af] Browne die 2 Märsche[3] schon zum Stich gegeben -- mir liegt daran es zu wissen, -- ich erwart unausgesezt die Wahrheit von ihnen[4] -- nach heilgstadt Brauchen sie nicht zu kommen, indem ich keine Zeit zu verliehren habe. . . . LvBtwn" [Unsere Quelle:  Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe Band 1, Brief Nr. 96, S. 115-116; Original:  Bonn, Beethoven-Haus, Sammlung Bodmer; zu [3]:  die GA vermutet, dass es sich hier um die Märsche op. 45 Nr. 1 und 2 handelt, während Nr. 3 "ausweislich" der Skizzen im Eroica-Skizzenbuch erst 1803 komponiert wurde; zu [4]:  die GA verweist hier auf Ries' Kommentar dazu in einem Brief vom 28.12.1837 an Franz Gerhard Wegeler:  "Brief von 1802.  Graf Browne wollte alle Beethovenschen Werke haben: da B.s Bruder Carl allerhand Mauschel mit den Verlegern trieb, so nahm ich einen großen Theil dieser Werke von ihm, weil alles in vollem Preise bezahlt wurde, und ich ihm diesen Verdienst gern gönnte, weil ich auf allerhand Art suchen mußte, mir diese Brüder zu Freunden zu erhalten |: worin Johann B. aber weit besser und offener als sein Bruder Karl war :|.  Da Graf B.[rowne] hörte, ich hätte einen Theil von C.[arl] B.[eethoven] gekauft, so wollte er dieses nicht gleich zahlen, um ihn zu schikanieren -- indem er von frühern Zeiten ich weiß nicht mehr welche Unannehmlichkeiten mit ihm hatte.  Da das Zutrauen, welches mir Beet: unbedingt schenkte, diesem immer unangenehm war, so sagte C.B. seinem Bruder Louis, ich hätte das Geld erhalten und wolle es nicht geben, oder durchgebracht, und er habe gehört, die zwey Märsche seyen auch durch mich verkauft -- hierauf zwang ich B., direkt mit mir zum Graf Br. zu gehen, wo sich alles aufklärte.  Der Verkauf der Märsche war grade eine Lüge," s. Hill, Ries-Briefe S. 787 (Nr. 507).  Die GA berichtet dazu noch, dass das Gerücht über die unberechtigte Veröffentlichung der zwei Märsche bereits in größerem Kreise bekannt gewesen zu sein scheint, da der Verlag Breitkopf & Härtel Beethoven im Zusammenhang mit dem Wiener Raubdruck von Op. 29 am 20.11.1802 (Brief 112) geschrieben habe, dass "ein ähnlicher Fall mit einem dem Grafen Browne überlassenen Werke pp. schon Aufmerksamkeit erregt hat"; Einzelheiten S. 115-116 entnommen.]

Wie Thayer Ries weiter berichten lässt, gab sich Graf Browne zu dieser Zeit vielen Vergnügungen hin, und da er gegen ihn freundlich gesonnen gewesen sei, habe er daran teilgenommen und seine Klavierstunden vernachlässigt.

Laut Thayer gebe es in den Notizen noch andere Hinweise auf den Sommer 1802, als  sich Beethoven in Heiligenstadt aufhielt, was nahe lege, dass sich zu diesem Zeitpunkt bereits eine Beziehung zwischen Lehrer und Schüler entwickelt habe.  Daher sei wohl Beethovens Versprechen an Ries' Vater, durch Wegeler, im Herbst/Winter 1801/1802 etwas für seinen Sohn zu tun, erfüllt worden).

 

Die "Dieters-Riemann-Thayer'sche" Auffassung der Ankunftszeit von Ferdinand Ries im September/Oktober 1801 hat laut van der Zanden auch ihren Weg in den Beethoven-Eintrag in The New Grove Dictionary of Music and Musicians von 1980 gefunden, wo Joseph Kerman und Alan Tyson "Ende 1801" angeben.  Im selben Lexikon verweise Cecil Hill im Ries-Eintrag noch genauer darauf mit "Oktober 1801."  Laut van der Zanden werden diese leicht variierenden Daten von der angesehenen Beethoven-Literatur übernommen.  Er verweist dabei auf Barry Coopers Beethoven Compendium mit "Oktober 1801", auf Peter Olives peinlich genaues Wörterbuch  Beethoven and His World mit einem Hinweis auf "Ende 1801" oder vielleicht "Anfang 1802", auf Sieghard Brandenburgs Gesamtausgabe der Beethovenbriefe mit "Ende 1801/Anfang 1802", und auch noch auf Emily Anderson, die angenommen habe, dass Ries wahrscheinlich Ende 1801 nach Wien gekommen sei, wobei zu beachten sei, dass diese Übersetzerin der Beethovenbriefe in Bezug auf die Datierung der Briefe sich auch auf dieses Ankunftsdatum stützte.

Diese allgemeine Annahme einer Ankunftszeit Ferdinand Ries' von Ende 1801/Anfang 1802 in Wien ist laut van der Zanden nur selten in Frage gestellt worden:

Kinsky-Halm:  In Das Werk Beethovens/Thematisch-bibliographisches Verzeichnis:  Zum Ursprung des Oratoriums berichten die Autoren, dass Max Unger einmal den "März 1803" als Ankunftszeit vorgeschlagen hat, jedoch wurde dessen Quelle nicht angegeben.

Kinsky-Halms Information werde auch durch Information zu den Klaviersonaten, Op. 31, angefochten, da Beethoven Ries im Jahr 1802 beauftragt habe, die Manuskripte dazu an Nägeli zu senden, was nicht mit Ries' Ankunft im März 1803 zu vereinbaren sei, wie dies im Eintrag zu Op. 85 vermerkt sei.

Nathan Fishman kritisierte Kinsky-Halm 1978 in einem Artikel zur Veröffentlichung des Wielhorsky-Skizzenbuchs, wobei dieser das Dieters-Riemann-Thayer'sche Datum vorzog.

1977 sei das herkömmliche Datum erneut angegriffen worden, und zwar nicht mit einem Argument für einen späteren Zeitpunkt als 1801/1802, sondern:

In seiner Beethovenbiographie von 1977 argumentiere Solomon, dass Ries 1800 zum ersten Mal nach Wien gekommen sei und dann wohl ein zweites Mal, und zwar Ende 1801 oder Anfang 1802. (Solomon, S. 344, No. 10; 2. Ausgabe von 1998, S. 450, n. 12).

Van der Zanden hält dieses Argument nicht für sehr überzeugend und verweist in diesem Zusammenhang auf Solomons Quelle, Ludwig Überfeld, Ferdinand Ries' Jugendentwicklung (Bonn: Rost, 1915); jedoch könne man in dieser Dissertation kein solches Argument finden.

Zusammenfassend schreibt van der Zanden, dass trotz einigem Konsensus in Bezug auf 1801 als Ankunftszeit auch genügend Einwände und Ungewissheiten bestehen, so dass die Sache verdient, erneut unter die Lupe genommen zu werden.

 


 

Van der Zanden beginnt seine Untersuchung mit einem Blick auf Contemporary Sources (Zeitgenössische Quellen) und verweist auf den Bericht im Londoner Harmonicon von 1824, der als "Memoir of Ferdinand Ries" bezeichnet wird.  Dessen Einzelheiten stammen seiner Auffassung nach von Ries.   Er zitiert daraus diejenige Passage, die sich auf Ries' Münchner Zeit und auf seine Reise nach Wien bezieht.  Wir fügen diesen Text hier ein, gefolgt von unserer Rückübersetzung ins Deutsche:

"At length, in the year 1801, he went to Munich with the same friend who had formerly taken him to Arnsberg.  Here he was thrown upon his own resources; and throughout the trying and dispiriting circumstances which, with slight exception, attended the next years of his life, he appears to have displayed a firmness, an energy, and an independence of mind, the more honourable, perhaps, from the very early age at which they were called into action.  At Munich, Mr. Ries was left by his friend, with little money, and but very slender prospect.  He tried for some time to procure pupils, but was at last reduced to copy music at three-pence per sheet.  With this scanty pittance, he not only continued to keep himself free from embarrassments, but saved a few ducats to take him to Vienna, where he had hopes of patronage and advancement from Beethoven.  This celebrated man had been, in early life, the intimate friend of Mr. Ries's father; and the young man had (perhaps in consequence) made his works his chief and favourite study.  He set out from Munich with only seven ducats, and reached Vienna before they were exhausted!  His hopes from his father's early friend were not disappointed; Beethoven received him with a cordial Kindliness, alas! but too rare from men who have risen to eminence and distinction, towards those whose claim upon them is founded on the reminiscences of their humbler state.  He at once took the young man under his immediate care and tuition; advanced him pecuniary loans, which his subsequent conduct converted to gifts; and allowed him to be the first to take the title of his pupil; and to appear in public as such.  At the arrival of Ries at Vienna, Beethoven was engaged in the composition of The Mount of Olives,--and as he was pressed for time, the first services rendered by his pupil were corrections from parts, &c., during the progress of this celebrated work" (Van der Zanden, Beethoven Journal Winter 2004, P. 52; --

Letztlich, im Jahr 1801, ging er mit dem selben Freund nach München, der ihn früher nach Arnsberg mitgenommen hatte.  Dort war er auf sich selbst angewiesen, und inmitten der schwierigen und entmutigenden Lage, die, mit wenigen Ausnahmen, die nächsten Jahre anhielt, schien er einen festen Willen, eine Energie und eine Selbständigkeit an den Tag gelegt zu haben, die vielleicht deshalb noch ehrenwerter ist, wenn man seine Jugend bedenkt.  Sein Freund setzte ihn in München mit wenig Geld und mit wenigen Aussichten ab.  Für einige Zeit versuchte er, Schüler zu gewinnen, musste sich aber schließlich durch das Musikkopieren über Wasser halten, zum Preis von drei Pfennigen pro Notenblatt.  Mit diesem schmalen Einkommen schaffte er es nicht nur, in keine Verlegenheiten zu geraten, sondern er sparte noch einige Dukaten auf, um nach Wien zu reisen zu können, wo er hoffte, von Beethoven gefördert zu werden.  Dieser gefeierte Mann war in seinen frühen Jahren der enge Freund von Franz Ries' Vater, und der junge Mann machte (wohl deswegen) dessen Werke zu seinem Lieblings- und Hauptstudium.  Er brach von München mit nur sieben Dukaten in der Tasche auf und erreichte Wien bevor sie verbracht waren!  Seine Hoffnungen in Bezug auf den langjährigen Freund seines Vaters wurden nicht enttäuscht;  Beethoven nahm ihn mit herzlicher Güte auf, was unter Männern, die Bedeutung erlangt haben und sich ausgezeichnet haben, nur zu selten ist in ihrem Umgang mit denjenigen, die sie durch enge Bekanntschaft an ihre bescheidenere Vergangenheit erinnern machen.  Er nahm den jungen Mann sofort unter seine Obhut und bildete ihn aus, streckte ihm Geld vor, was er ihm im weiteren Verlauf in Form von Geschenken zugedachte; er erlaubte ihm auch als  erstem, sich sein Schüler zu nennen, und auch als solcher in der Öffentlichkeit aufzutreten.  Zur Zeit von Ries' Ankunft in Wien steckte Beethoven gerade mitten in der Komposition von Christus am Ölberg, und da die Zeit knapp war, war der erste Dienst, den ihm sein Schüler leistete, die Korrektur von Stimmen usw. während der Fertigstellung dieses gefeierten Werks).

Van der Zanden hebt dann die am Anfang seines Artikels zitierten Zeilen von Ries an Simrock und den Verweis im Harmonicon-Bericht, dass Beethoven Ries unmittelbar und unverzüglich unter seine Fittiche nahm, als interessant hervor; auch die "entmutigenden Umstände" in Ries' Leben in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts findet er beachtenswert und bemerkt dazu, dass nach der Lesart der "herkömmlich angenommenen" Ankunftszeit von Ries in Wien sich dies dann ja auch auf seine ersten Jahre in Wien als Beethovens Schüler beziehen müsste.

Laut van der Zanden bietet der Harmonicon-Bericht keine genaue Ankunftszeit Ries' in Wien an.  Die meisten Kommentatoren, einschließlich Dieters-Riemann-Thayer, fährt van der Zanden fort, lasen gerne 1801 dabei heraus.  Die wichtigste Information in diesem Bericht sei jedoch der Hinweis darauf, dass Beethoven an seinem Oratorium arbeitete, als Ries in Wien eintraf (van der Zanden fügt dazu ein, dass dieses Werk am 5. April 1803 zum ersten Mal aufgeführt wurde) mit dem Zusatz, dass Beethoven dreimal, bei verschiedenen Gelegenheiten, darauf hingewiesen habe, dass er dieses Werk in sehr kurzer Zeit fertigstellte.  Die allgemeine Richtigkeit von Beethovens Angaben werde durch Beethovens Brief an Breitkopf & Härtel vom 9. Oktober 1811 bestätigt, in dem er berichtete, dass er das Werk komponierte, als sein Bruder sterbenskrank gewesen sei.  Carl van Beethoven selbst habe seine schwere Krankheit in seinem Brief vom 26. März 1803 an Breitkopf & Härtel erwähnt ("Ich lasse Ihnen diesen Brief Schreiben weil ich schon 18 Tage an einem sehr heftigen rheumatischen fieber darniederliege" [Quelle: GA Bd. 1, Brief Nr. 129, S. 156]).  Dies bestätige, dass das Oratorium wirklich in den ersten Monaten des Jahres 1803 in sehr großer Eile komponiert worden sei.  Falls man annehme, dass Ferdinand Ries in Wien eintraf, als Beethoven an diesem Werk arbeitete, muss dies im Februar oder März 1803 gewesen sein.

Als zweite zeitgenössische Quelle nennt van der Zanden die Ende 1837 geschriebenen Biographischen Notizen von Wegeler/Ries, die 1838 veröffentlich wurden.  Darin kompliziere Ries die Sache wie folgt sehr ernstlich:

"A letter of recommendation introduced me.  When I presented it to Beethoven on my arrival in Vienna in 1800, he was intensely occupied with the completion of his oratorio Christ on the Mount of Olives, since this was due to receive its first performance in a great Academy concert in the Wiener Theater, an event very advantageous to him" (zitiert von van der Zanden aus: Franz Wegeler and Ferdinand Ries, Biographische Notizen über Ludwig van Beethoven (Coblenz: K. Bädeker, 1838), 75 (hereafter:  Notizen); Beethoven Rememberd / The Biographical Notes of Franz Wegeler and Ferdinand Ries, trans. Frederick Noonan (Arlington, VA: Great Ocean Publishers, 1987), S. 65; "Ein Empfehlungsschreiben führte mich ein.  Als ich es Beethoven bei meiner Ankunft in Wien im Jahr 1800 vorlegte, war er mit der Fertigstellung seines Oratoriums Christus am Ölberg sehr beschäftigt, da es in einem Akademiekonzert im Wiener Theater uraufgeführt werden sollte, einer für ihn sehr vorteilhaften Veranstaltung").

Laut van der Zanden verband Ries die Passage mit Beethovens Reaktion auf das Empfehlungsschreiben seines Vaters an ihn und mit den Proben für das Oratorium am Tag der Uraufführung.  Somit habe Ries nicht gezögert, auch 1837, wie im Jahr 1824, sein Erscheinen in Wien mit Beethovens Arbeit am Oratorium in Verbindung zu bringen, siehe auch seine erste Anekdote in den Notizen zu Beethovens Ausschreiben der Posaunenstimmen um 5 Uhr morgens am Tag der Uraufführung:

"Right from the very few first days Beethoven found that he was able to make use of me, and thus I was frequently called as early as five in the morning, as indeed happened on the day the oratorio was to be performed" (Zitiert von van der Zanden aus der bereits oben genannten Quelle, S. 65; "Gleich von den ersten Tagen an fand Beethoven, dass er mich brauchen konnte, und so wurde ich oft schon um fünf Uhr frühmorgens gerufen, wie dies auch am Tag der Uraufführung des Oratoriums geschah").

Trotzdem, schreibt van der Zanden, kann nicht geleugnet werden, dass Ries 1837 fest davon überzeugt war, dass er 1800 in Wien eintraf und dass es sich dabei nicht um einen Schreibfehler handelt, da er nochmals in den Notizen schreibe, dass er "from 1800 to November, 1805" (also von 1800 bis zum November 1805) in Wien gewesen sei.

Eine Erklärung für dieses ungewöhnlich frühe Datum, das der Information im Harmonicon-Bericht klar widerspreche, habe Alan Tyson in einem Artikel über Ries und Beethoven im Jahr 1984 geliefert.  Dessen Ansicht nach liege der Anhaltspunkt in Ries' Zusammenarbeit mit Wegeler, der im ersten, in "seinem" Teil der Notizen Beethovens Brief an in zitiert, in dem Beethoven ihm zum ersten Mal die Symptome seiner Schwerhörigkeit beschreibt und in dem er am Ende auf Ries zu sprechen kommt:

"--wegen Rieß[16], den mir herzlich grüße, was seinen sohn anbelangt, will ich dir näher schreiben, obschon ich glaube, daß um sein Glück zu machen Paris beßer als wien sey,[17] Vien ist überschüttet mit Leuten, und selbst dem Bessern Verdienst fällt es dadurch hart, sich zu halten--bis den Herbst oder bis zum Winter werde ich sehen, was ich für ihn thun kann, weil dann alles wieder in die Stadt eilt--" (Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 1, Brief Nr. 65, Beethoven an Wegeler  am 29. Juni 1801, S. 81; zu [16]: verweist auf Franz Anton Ries, Ferdinand Ries' Vater; zu [17]: verweist auf die GA-Anmerkung: "Ungeachtet der Warnung Beethovens kam Ferdinand Ries gegen Ende 1801 doch nach Wien").

Offenbar habe Ries' Vater Wegeler gebeten, Beethoven von den "Wiener" Plänen seines Sohnes in Kenntnis zu setzen.

Beethovens Brief sei auf den 29. Juni, aber ohne Jahreszahl, datiert und bereits 1828 in der Allgemeinen Theaterzeitung in Wien veröffentlicht worden.  Dabei sei Wegeler, wie in den Notizen, der Meinung gewesen, dass Beethoven den Brief am 29. Juni 1800 geschrieben habe.  Die heutige unzweifelhafte Auffassung der Beethovenforschung ordnet diesen Brief jedoch dem 29. Juni 1801 zu.  Als Ries im Jahr 1837 "seinen" Teil der Notizen zusammenstellte, wurde er laut van der Zanden offensichlich von Wegeler überzeugt, dass "1800" das "korrekte" Jahr gewesen sei, wonach er dann in Bezug auf seine Ankunft in Wien in die Irre gegangen sei.

Wie Tyson argumentiert, schreibt van der Zanden, habe Ries den Schluss gezogen, dass für ihn vereinbart worden sei, dass er Ende 1800 in Wien eintreffen solle.  Ries habe wohl auf dieser Basis seine eigene Meinung durch die Fehldatierung seines Freundes Wegeler revidiert.

Zusammenfassend schreibt van der Zanden, dass diese zwei Originalquellen in einem wichtigen Punkt übereinstimmen, nämlich, dass Beethoven an seinem Op. 85 arbeitete, als Ries in Wien eintraf.  Falls Ries' Erinnerung in diesem Punkt richtig sei, köne man nur daraus schließen, dass er im Februar/März 1803 in Wien eintraf, so schwer dies auch anzunehmen sei.  Jedoch werfe dieses Datum schwierige Probleme auf und widerspreche Daten, Erinnerungen und Interpretationen, die sich für lange Zeit in der Beethoven-Biographie festgesetzt hätten.  Daher habe Tyson diesen Einwand 1984 abgelehnt und den Schluss gezogen, dass Ries in den Notizen zwei Anlässe verwechselt habe, als er in Wien eingetroffen sei, nachdem er anderswo reisend unterwegs gewesen sei:

"He may even have returned to Munich for a short time before coming back just before the April concert, for the autograph score of an early piano sonata, though on paper of a type in common use in Vienna at that time, is dated 'a Munic.' 1803" (van der Zanden zitiert hier aus:  Alan Tyson, "Ferdinand Ries (1784-1838): The History of his Contribution to Beethoven Biography," Nineteenth-Century Music 7, no. 3 (1984): 209-211; Tyson schreibt darin, dass Ries vielleicht sogar für eine kurze Zeit nach München zurückgekehrt sei, bevor er kurz vor dem Konzert im April [nach Wien] zurückgekehrt sei, da er auf die Partitur einer frühen Klaviersonate, obwohl auf einer damals in Wien benutzten Papiersorte, geschrieben habe 'a Munic.' 1803").

Offensichtlich sei Tyson Solomons "zweifacher Ankunftshypothese" nicht ablehnend gegenüber gestanden, und das trotz ihrer Schwäche, da Ries im Harmonicon-Bericht und in den Notizen von einer Ankunft in Wien berichtet habe, nach der er sofort Beethovens Schüler wurde.  Zudem habe Ries geschrieben, dass Beethoven mitten in seiner Arbeit am Oratorium steckte, als er das Empfehlungsschreiben seines Vaters an ihn las, was wiederum ein Zusammentreffen impliziere.


Bevor er die Argumente gegen Ries' mögliche Ankunft in Wien im Winter/Frühjahr 1803 untersuchen will, verweist van der Zanden auf ein bisher nicht beachtetes Dokument, das sich im Archiv des Bonner Beethovenhauses befindet, nämlich auf den Brief des Komponisten Carl Cannabich (1771 - 1806)--der Sohn des einflussreichen Mannheimer Komponisten Christian Cannabich (1758 - 1798), der in München die durch den Tod seines Vaters frei gewordene Stelle des Hofkapellmeisters innehielt--an Johann Andreas Streicher in Wien:

"An Herrn Herrn A. Streicher
Hochwohlgeb. in Wien

Liebster Freund!

Ohnerachtet unsre Verhältnisse uns schon seit mehrern Jahren getrennt haben, so wage ich es doch, mich in Ihr Gedächtnis zurükzurufen, und Ihnen hiermit einen jungen Künstler, der Sohn des verdientstvollen Konzertmeisters Ries aus Bonn, und einem jungen Mann von vielen Anlagen zu empfehlen. - derselbe denkt sich in Wien einige Zeit aufzuhalten.  Sollten Sie, werthester Freund, Gelegenheit finden, denselben mit Rath zu unterstüzzen und ihm allenfalls eine oder die andere kleine Klavierlection zu seinem Fortkommen in Wien zu verschaffen, so würden Sie mich unendlich verbinden, ich stehe dagegen wieder zu Dienst.

Was macht Ihre liebe Frau? ich bitte Sie, mich in ihr Andenken zurükzurufen.  Vielleicht will es mein günstiges Schiksal, dass ich dieses Vorjahr auf einige Wochen nach Wien komme, dann umarmt Sie Ihr aufrichtiger Freund und Diener

Cannabich

München, den 29ten 10br 1802
Auch Emfpehlunge unbekannterweise von meiner Frau" (van der Zanden, Ferdinand Ries in Vienna:  New Perspectives on the Notizen, Beethoven Journal Winter 2004: 55).

Van der Zanden diskutiert dann Thayer-Dieters-Riemanns Zitat aus der Zeitschrift "Rheinisches Antiquariat", demzufolge Ries in München von dem Opernkomponisten Peter Winter Unterricht erhalten haben soll.  Diese Angabe habe dann ihren Weg in The New Grove Dictionary gefunden, wo sie als Tatsache dargestellt werde.  Jedoch ist diese "Tatsache" laut van der Zanden nie durch Quellen belegt worden, ja, er zweifelt dies sogar sehr stark an.  Von Winter sei bekannt, dass er sich (zur fraglichen Zeit) in Paris aufhielt und erst 1802 nach München zurückkehrte.  Obwohl man laut van der Zanden nicht beweisen kann, dass Winter nicht Ries' Lehrer war, sei es jedoch angesichts des hier zitierten Briefes von Cannabich viel plausibler, dass Ries dessen Schüler war.

Er geht dann auf Streicher ein, der einen guten Ruf gehabt habe, und das nicht nur in Wien, sondern auch in anderen europäischen Städten, und zwar als geachteter Lehrer und Komponist, und später auch als Klavierbauer.  Laut van der Zanden hatte er viele Freunde, besonders auch in Mannheim und München, wo er einige Jahre gelebt habe (in Mannheim von 1782 - 1786 und in München von 1786 - 1793).  Besonders in München habe sich Streicher als Musiker einen Namen gemacht, und in dieser Eigenschaft sei er mit den Cannabichs in Verbindung getreten.  Ries habe aus dieser Verbindung seinen Nutzen ziehen können, da Cannabich ihn seinem früheren Freund und Kollegen Streicher vorstellte.

Auf den ersten Blick, schreibt van der Zanden, sieht es so aus, als ob der Brief das Datum des 29. Novembers 1802 trage; was jedoch wie "11ber" aussehe, sollte eigentlich als "10ber" gelesen werden.  Daher sei der Brief wohl am 29. Dezember 1802 geschrieben worden und befand sich zweifellos in Ries' Besitz, als er in Wien eintraf.  Selbstverständlich sei es unmöglich, festzustellen, wie lange er ihn bei sich behielt, bevor er sich wirklich auf den Weg machte.  Vielleicht verließ er München kurz nachdem ihm Cannabich den Brief im Januar 1803 übergeben hatte, vielleicht wartete er jedoch auch ein paar Wochen.  Wie dem auch sei, der Brief erkläre die Zeilen, die Ries kurze Zeit später an Simrock schrieb

 " . . . indem ich nun selbst einen vortrefflichen Lehrer habe.  Beethoven gibt sich mehr Mühe mit mir, als ich hätte glauben können.  Ich bekomme wöchentlich dreimal Stunde, gewöhnlich von 1 Uhr bis 1/2 3. . . . " [Quelle:  Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band I, Brief Nr. 136, S. 162; Original: nicht bekannt.  Text laut GA nach der gekürzten Wiedergabe von Erich Hermann Müller, Beethoven und Simrock, in: Simrock-Jahrbuch 2 (1929), S. 21].

Als er dies schrieb, sei Ries wohl kaum länger als einige Wochen in Wien gewesen.  Der Cannabich-Brief erkläre auch die "entmutigenden Umstände" des Harmonicon-Berichts, also die Jahre 1801-1802, als Ries in München lebte, und nicht seine Jahre in Wien mit Beethoven.

Laut van der Zanden ist es nicht bekannt, ob Ries Cannabichs Brief in Wien wirklich vorzeigte, da die mehr als herzliche Aufnahme durch Beethoven dies vielleicht unnötig machte.  Der seiner Meinung nach stets gut informierte Tyson war über die Existenz des Cannabich-Briefs im Bild, hat ihn jedoch wohl nie selbst untersucht.  Der Fußnote 39 seines Artikels aus dem Jahr 1984 zufolge sei er rätselhafter Weise der Ansicht gewesen, dass dieser Brief auf den 29. Dezember 1800 datiert gewesen sei.  Diese irrige Auffassung führte wohl auch zu seiner Annahme, dass Ries 1801 in Wien eintraf.  Daraus habe Tyson dann den Schluss gezogen, dass es am klügsten sei, sich auf Ries' Datenangaben in den Notizen nicht zu verlassen.

Ob Tysons Rückschluss angesichts der neuen Beweislage aufrecht erhalten werden kann, schreibt van der Zanden, kann nur nach einer Untersuchung aller relevanten Hinweise Ries' in den Notizen entschieden werden.


In seiner Untersuchung des relevanten Materials aus dem Ries'schen Teil der Notizen betont van der Zanden die große Lauterkeit von Ferdinand Ries und beschreibt ihn sogar als die Antithese zu Anton Schindler.  Jedoch habe Ries' zeitlebens ungebrochene Verehrung Beethovens, und das trotz seines schwierigen Wesens und Verhaltens, dazu geführt, dass er beinahe jeden Misserfolg und Fehler, oft bis zur gänzlichen Entschuldigung, akzeptiert.  Aus Zorn über Schindlers Handlungsweise habe Ries auf einem hohen Niveau im Zusammentragen der in den Notizen präsentierten Information bestanden, was auch aus seinem Briefwechsel mit Wegeler hervorgehe.

Als Beethoven-Biograph sei er nicht auf Unsterblichkeit aus gewesen, sondern er habe sogar gezögert, sich an dem Unterfangen zu beteiligen.  Er habe auch gezögert, seine Erinnerungen an Beethoven zu Papier zu bringen, und mehr als einmal habe er sich für diese Aufgabe als schlecht geeignet angesehen, besonders in literarischer Hinsicht.  Van der Zanden verweist auf das Vorwort zu den Notizen, in dem Ries ausdrückte, dass er erst nach mehreren Aufforderungen Wegelers, und dann immer noch zögernd, zusagte, sich an den Notizen zu beteiligen.  Seiner eigenen Aussage nach beabsichtigte er, "ächte Quellen" für zukünftige Beethovenstudien beizutragen, für jene Forscher, die sich in Zukunft dazu aufgerufen fühlen werden, eine komplette Biographie Beethovens zu schreiben.

Laut van der Zanden gibt es keinen Hinweis darauf, dass Ries die Wahrheit auf irgendeine Weise verzerrte, zumindest nicht absichtlich, und es erscheint ihm so, dass alle Angaben in den Notizen im Grunde zuverlässig sind.  Falls sich darin Ungereimtheiten finden lassen, so beruhen sie auf Gedächtnislücken, da dreißig Jahre vergangen seien, bevor Ries seinen Beitrag schrieb und kein Tagebuch oder andere, vergleichbare Dokumente, zur Verfügung hatte.  Jedoch sei auch zu bedenken, dass Ries Beethoven idealisierte und dass man die Notizen von diesem Gesichtspunkt aus mit Vorsicht lesen sollte.

Auf dieser Basis könne man die Geschichten in den Notizen einzeln in Bezug auf Widersprüche im Zusammenhang mit Ries' Ankunftszeitpunkt Anfang 1803 in Wien untersuchen. Van der Zanden verweist dann auf Tafel I seines Artikels, in der er sämtliche im zweiten Teil der Notizen beschriebenen Ereignisse und Anekdoten zusammenfasst, die Ries zusammengetragen hat.  Wie van der Zanden schreibt, half Ries jedoch Wegeler auch damit.  Diese Liste enthält jedoch keine Ereignisse und Anekdoten, die sich nach 1809 zugetragen haben müssen, da sie auf das Thema des Artikels keinen Einfluss haben.  Wie aus der vierten vertikalen Spalte zu entnehmen ist, hat Ries etwa weniger als ein Drittel der Ereignisse selbst datiert.  Die Tabelle enthält auch eine Spalte, in der die von der heutigen Beethovenforschung vertretenen Daten angeführt werden.  Die letzte, rechte, Spalte kategorisiert die Ereignisse nach "A" und "B", und das laut van der Zanden nach folgenden Kriterien:

"A" bezieht sich laut van der Zanden auf Ereignisse in den Notizen, von denen Ries schreibt, dass er sie persönlich miterlebte.  Diese Ereignisse bestätigen seine persönliche Anwesenheit in Wien.

"B" bezieht sich laut van der Zanden auf Ereignisse in den Notizen, von denen Ries nicht behauptet, dass er sie persönlich miterlebte.  Selbstverständlich bedeutet das nicht, schreibt van der Zanden, dass Ries notwendiger Weise abwesend gewesen ist.  Aller Wahrscheinlichkeit nach hat er jedoch von diesen Ereignissen durch andere erfahren.

"A+" nach einem Datum verweist laut van der Zanden darauf, dass das Ereignis im angegebenen Jahr oder danach stattfand.

Van der Zanden weist darauf hin, dass aus der Liste ersichtlich ist, dass einige der Ereignisse sich zugetragen hatten, als Ries sich noch nicht in Wien aufhielt, wie Ereignisse Nr. 10, 11, 30 und 44.   Hier habe Ries offensichtlich Ereignisse beschrieben, die er von anderen erfahren hatte, am wahrscheinlichsten von Beethoven selbst.  Demnach können laut van der Zanden alle mit "B" bezeichneten Ereignisse nicht als Beweis für Ries' Ankunft in Wien vor 1803 gelten, da nichts darauf hinweist, dass er sie selbst miterlebte.  (So gebe es z.B. keinen Hinweise darauf, dass Ries bei der Uraufführung der Hornsonate, Op. 17, im Jahr 1800 (Ereignis Nr. 7) anwesend gewesen sei, oder im selben Jahr (Ereignis Nr. 6) bei der Aufführung des Klarinettentrios, Op. 11.  Trotzdem erscheinen van der Zanden Ries' Geschichten vollständig glaubwürdig.  Zum Beispiel werde Ries' Anekdote zu Op. 11, in der der improvisierende Beethoven seinen Gegner Steibelt dezimierte, durch einen Konversationsbucheintrag von Beethovens Neffen Karl im September 1825 bestätigt:  "Schuppanzigh beschreibt, wie du über Steibelt triumphiertest".

Laut van der Zanden wählte Ries seine Worte vorsichtig, um zu vermeiden, dass er missverstanden wird.  Eine Anekdote aus dem Jahr 1809 bestätige Ries' Sorgfalt, als Beethoven ins Haus seines Bruders Karl floh, um der Bombardierung durch die Franzosen auszuweichen (Ereignis Nr. 45).  Ries sei hier vorsichtig gewesen nicht zu behaupten, dass er anwesend gewesen sei, als dies geschah.  Wie Rudolf Klein betone, habe sich Beethovens Flucht nicht um die Zeit der Bombardierung von Mai bis Juli 1809 zugetragen, sondern um die Zeit der Demolierung der Nordseite der Stadtmauer, in deren Nähe der Komponist wohnte, im November des Jahres.  Zu dieser Zeit habe Ries die Stadt bereits verlassen.  Dies beweise, dass er das Ereignis nur aus zweiter Hand kennen konnte.

Falls Ries vor 1803 in Wien war, wie die herkömmliche Beethovenforschung annimmt, argumentiert van der Zanden, sollten wir in den Notizen alle Ereignisse der "A"-Kategorie, die sich 1803 oder später ereigneten, in Bezug auf die Suche nach Beweisen dafür, dass Ries sich vor 1803 in Wien aufhielt, als irrelevant betrachten, genauso wie alle Ereignisse der "B"-Kategorie.  Trotzdem findet van der Zanden es lohnend, diese Ereignisse kurz zu betrachten.

Ries sei in Wien gewesen, als die Proben zur Dritten Symphonie stattfanden (im Dezember 1804)--dies verweist auf Ereignis Nr. 3, die berühmte "Horn-Anekdote".  An diesem Abend sei er bei einem Konzert gewesen, bei dem Beethovens Quintett für Bläser und Klavier, Op. 16, mit dem Oboisten Ramm aus München aufgeführt worden sei.  Wie van der Zanden schreibt, kannte Ries Ramm wohl persönlich aus seiner Münchner Zeit.  Ferner habe er der Uraufführung der Violinsonate, Op. 47, die von Beethoven und Bridgetower gespielt wurde, beigewohnt (Ereignis Nr. 8, Mai 1803) und möglicher Weise (obwohl er dies nicht bestätige) hatte er auch das berühmte "Monsterkonzert" im Dezember 1808 (Ereignis Nr. 9) miterlebt.  Die Geschichte mit den parallelen Fünfteln im Streichquartett in c-Moll, Op. 18, Nr. 4, kann sich laut van der Zanden selbstverständlich zu irgendeiner Zeit nach 1801 zugetragen haben, als das Quartett erschienen war.

Laut van der Zanden verweisen die Ereignisse Nr. 14 und Nr. 15 auf Märsche, die Beethoven für Graf Browne komponierte, der Ries in Baden als Klavierspieler in seinem Haushalt beschäftigte.  Van der Zanden verweist dann auf The Beethoven Sketchbooks; daraus sei ersichtlich, dass das Skizzenbuch Nr. 6 zeigt, dass die Märsche Op. 45 im Sommer 1803 entstanden sind, inmitten von Beethovens Arbeit am langsamen Satz der Eroica.  Jedoch gebe es auch einen undatierten Brief Beethovens an Ries (Nr. 39 in van der Zandens Liste), den Ries dem Jahr 1802 zuschreibt.  In diesem Brief schreibt Beethoven:

"Haben sie die Güte mir zu berichten, ob's wahr ist, daß Gr.[af] Browne die 2 Märsche[3] schon zum Stich gegeben -- mir liegt dran es zu wissen; -- ich erwart unausgesezt die Wahrheit von ihnen[4] -- nach heilgstadt Brauchen sie nicht zu kommen, indem ich keine Zeit zu verliehren habe. . . . " (Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 1, Brief Nr. 96, S. 115; von der GA dem Sommer 1802 zugeordnet; zu [3]: verweist laut GA "wahrscheinlich" auf die beiden Märsche Op. 45; zu [4]: in diesem Zusammenhang verweist die GA auf Ries' Zeilen an Franz Gerhard Wegeler vom 28.12.1837: "Brief von 1802.  Graf Browne wollte alle Beethovenschen Werke haben; da B.s Bruder Carl allerhand Mauschel mit den Verlegern trieb, so nahm ich einen großen Teil dieser Werke von ihm, weil alles in vollem Preise bezahlt wurde, und ich ihm diesen Verdienst gern gönte, weil ich auf allerhand Art suchen mußte, mir diese Brüder zu Freunden zu erhalten . . . Da Graf B.[rowne] hörte, ich hätte einen  Theil von C.[arl[ B=[eethoven] gekauft, so wollte er diesen nicht gleich zahlen, um ihn zu schikanieren -- indem er von frühern Zeiten ich weiß nicht welche Unannehmlichkeit mit ihm hatte.  Da das Zutrauen, welches mir Beet. unbedingt schenkte, diesem immer unangenehm war, so sagte C.B- seinem Bruder Louis, ich hätte das Geld erhalten und wollte es nicht geben, oder durchgebracht, und er habe gehört, die zwey Märsche seyen auch durch mich verkauft -- hierauf zwang ich B., direkt mit mir zum Graf Br. zu gehn, wo sich alles aufklärte.  Der Verkauf der Märsche war eine grade Lüge", s. Hill, Ries-Briefe S. 787 (Nr. 507)").

Die Datierung dieser Zeilen durch Ries auf das Jahr 1802 wurde laut van der Zanden sowohl von Anderson als auch von Brandenburg übernommen, und das vermutlich deswegen, weil Heiligenstadt darin erwähnt wird.  Beethoven habe sich dort sicher im Jahr 1802 aufgehalten; jedoch gebe es keine Hinweise darauf, dass er sich 1803 auch dort aufhielt.  Werfen wir einen Blick auf das, was Thayer-Forbes zu Beethovens Sommeraufenthalt[en] im Jahr 1803 berichtet:

"At the beginning of the warm season Beethoven, as was his annual custom, appears to have spent some weeks in Baden to refresh himself and revive his energies after the irregular, exciting and fatiguing city life of the winter, before retiring to the summer lodgings, whose location he describes in a note to Ries (Notizen, p. 128) as "in Oberdöbling No. 4, the street to the left where you go down the mountain to Heiligenstadt."" (Thayer-Forbes: 335; -- Thayer-Forbes verweist hier darauf, dass Beethoven am Anfang der "warmen Saison" einige Wochen in Baden verbracht hat, um sich vom ungewöhnlich hektischen Leben dieses Winters zu erholen, bevor er dann in seine Sommerfrische umsiedelte, die er in einem Brief an Ries so beschrieben haben soll: "in Oberdöbling Nr. 4, die Straße zur Linken wo man den Berg nach Heiligenstadt hinuntergeht").

    

Der hier von Thayer-Forbes zitierte Brief Beethovens an Ries ist auch in der Gesamtausgabe enthalten.  Zitieren wir ihn daher zum Vergleich:

"Beethoven an Ferdinand Ries

                                               [Oberdöbling, möglicherweise Sommer 1803][1]

Daß ich da bin, werden sie wohl wissen -- gehn sie zu Stein[2] und hören sie, ob er mir nicht ein Instrument hieher geben kann -- für Geld -- ich fürchte meins hier tragen zu lassen -- kommen sie diesen Abend gegen Sieben uhr heraus -- Meine Wohnung ist in OberDöbling No 4. die Straße links, wo man den Berg hinunter nach heiligenstadt geht --

                                                                                              Beethowen"

[Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 1, Brief Nr. 148, S. 172-173; Original: Bonn, Beethoven-Haus, Sammlung Bodmer; zu [1]: hierzu schreibe die GA: "Der Brief wird üblicherweise, aber ohne Angabe von Gründen, mit Sommer 1803 datiert.  Er dient gewöhnlich als Beleg dafür, daß sich Beethoven in dieser Zeit in Döbling aufgehalten habe.  Andere, verläßlichere Quellen gibt es nicht. . . . "; Einzelheiten S. 173 entnommen].

 

Van der Zanden kommt dann auf die Autoren von The Beethoven Sketchbooks zurück, die auch das Jahr 1802 als Datum akzeptieren, und die der Meinung seien, dass die zwei Märsche in Beethovens Brief sich auf zwei andere Märsche als die von Op. 45 beziehen müssen.  Van der Zanden erscheint dies nun widersprüchlich.  Er argumentiert, dass, wenn die Märsche Op. 45 zweifellos im Sommer 1803 entstanden seien, zu erwarten sein sollte, es sich bei den in diesem Brief erwähnten Märschen um dieselben Märsche handeln muss.  Man könne hier nicht den Schluss ziehen, dass es sich um andere Märsche handelte, sondern man müsse den Schluss ziehen, dass Beethoven nicht nur im Jahr 1802 in Heiligenstadt wohnte, sondern auch im Jahr 1803.  Van der Zanden will in seinem Artikel darauf noch zurückkommen.

Er verweist dann auf das Konzert mit der a-Moll-Violinsonate, Op. 23 und die a-Moll-Klaviersonate Op. 31, Nr. 2 (Nr. 16), das 1803 in Baden in der Sommerresidenz von Graf Browne stattfand und bei dem Ries zugegen gewesen sei.  Ries' Erinnerung daran, dass Beethoven ihn für zwei Stunden in Bezug auf das Spielen des letzten Adagios der Klaviervariationen Op. 34 (Nr. 17) instruierte, könne auch auf das Jahr 1803 oder möglicher Weise etwas später datiert werden, da dieses Werk im Sommer 1803 erschienen sei.  Laut van der Zanden bietet die Datierung der Einladung Beethovens an den westfälischen Hof (Nr. 18) offensichtlich kein Problem, und auch nicht die Erinnerung an den Spaziergang in Döbling, als Beethoven zum Finale der Appassionata Op. 57 (KS Nr. 21) inspiriert wurde; wie Sieghard Brandenburg auf der Basis der Skizzen in Mendelssohn 15 hervorgehoben habe, wurde die Sonate aller Wahrscheinlichkeit nach im Sommer 1805 fertig gestelt, als sich Beethoven in Döbling aufhielt.  Beethovens Plan, zusammen mit Ries als Begleiter auf Reisen zu gehen, wurde laut van der Zanden von Ries zum ersten Mal in seinem Brief an Simrock von 6. August 1803 erwähnt.

 " . . .  Beethoven wird nun höchstens noch 1 1/2 Jahre hierbleiben.  Er geht dann nach Paris, welches mir außerordentlich leid ist.  Ich habe ihm zwar im Spaß gesagt, er müßte mich als Schüler und Cassier mitnehmen, ich wünschte, daß im Ernst was daraus käme..." [Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 1, Brief Nr. 152, S. 176-178; aus S. 176 zitiert].

Richard Kramer habe Beethovens Interesse and Carl Heinrich Grauns Der Tod Jesu (Nr. 23) erforscht.  Laut van der Zanden wurde dieses Interesse wahrscheinlich durch Beethovens Vorbereitung auf die Rezitative zu Christus am Ölberg hervorgerufen.  Van der Zanden verweist hier auf Carl Czernys Bericht, dass sein Vater Beethoven auf eine Partitur dieses Werks aufmerksam gemacht hat, was sich einige Zeit nach seinem ersten Kontakt mit Beethoven Anfang 1801 zugetragen haben muss.

Van der Zanden verweist dann darauf, dass sich Muzio Clementi 1804 in Wien aufhielt (Nr. 24 der Artikel-Liste).  Die Waldstein-Sonate Op. 43, zusammen mit dem Andante favori, WoO57 (Nr. 25 + 26 der Artikel-Liste) seien bekanntlich Ende 1803 komponiert worden.  Beethovens Aufführung der Leonore für einige seiner Freunde kann sich laut van der Zanden nicht eher als Anfang 1803 zugetragen haben (Nr. 27 + 33 der Artikel-Liste), als er bereits Fortschritte mit der Komposition der Oper gemacht hatte.  Ries erzählte laut van der Zanden dazu, dass Beethoven ihm befohlen hatte, dabei den Raum zu verlassen, da er Beethoven mit WoO 57 einen Streich gespielt hatte.  Ries' Geschichte der zusätzlichen Noten im Finale der Pathethique-Sonate Op. 13 und bezüglich des Ersten Klavierkonzerts, Op. 15 (Nr. 29 der Artikel-Liste) kann sich zu irgendeiner Zeit nach 1799 ereignet haben.  Der Besuch Prinz Louis Ferdinands in Wien (Nr. 31 der Liste) fand laut van der Zanden im September 1804 statt.  Der Streit mit Stephan von Breuning (Nr. 34, 564 und 55 der Liste) fand laut van der Zanden im Juli 1804 statt.  Kurz danach habe Ries für Beethoven eine Wohnung im Pasqualati-Haus ausgewählt (Nr. 35 der Liste).  Die Geschichten bezüglich des Dritten Klavierkonzerts, Op. 37 und Nanette Streichers Bruder Andreas Friedrich Stein (Nr. 36 + 37 der Liste) können laut van der Zanden auch auf das Jahr 1804 oder später datiert werden, als dieser in Wien eintraf.

Die Rasierschaum-Anekdote (Nr. 38 der Liste) und Beethovens Empfehlungsschreiben für Ries platziert van der Zanden in den Sommer 1805, also in das Jahr, in dem Ries ins Rheinland zurückkehrte.

Anekdote Nr. 40 muss sich laut van der Zanden in Baden zugetragen haben, wo sich Beethoven im Juli 1804 aufhielt, und das nächste Ereignis, Nr. 41, bezüglich Beethovens häufiger Besuche bei Ries, als dieser im Haus eines Schneiders mit drei schönen Töchtern wohnte, hat sich wohl im selben Monat zugetragen.

Die Kumpholz-Geschichte (Nr. 42 der Liste) kann sich laut van der Zanden selbstverständlich irgendwann nach 1795 ereignet haben, als der Geiger in Wien eintraf.

Die Anekdote, nach der Beethoven einem Kellner in einem Wiener Lokal einen Teller mit Fleisch und Sauce an den Kopf geworfen haben soll (Nr. 46 der Liste), erlaube keine genaue Datierung.

Die verbleibenden Nummern 51-57 beziehen sich laut van der Zanden auf Briefe, die nach 1802 geschrieben wurden und werfen daher keine Probleme auf.

Mit Nr. 1 und Nr. 47 als Ausgangspunkt, in denen Ries schrieb, dass er 1800 nach Wien kam, gebe es nur sechs weitere Ereignisse, die untersucht werden sollten: Nr. 2, 13, 20, 39, 43 und 50.


Van der Zanden diskutiert dann Ries' Ankunftszeit vom Standpunkt der existierenden Information zu seiner "Zeugenschaft" der Entstehung der Dritten Symphonie.

Dabei geht er zunächst auf Ries' Bericht auf S. 77-80 in den Notizen ein.  Ries berichte dort, dass Beethoven das Werk 1802 in Heiligenstadt komponierte, einem Ort, den er als 1 1/2 Stunden von Wien entfernt beschreibe.  Van der Zanden weist darauf hin, dass das Jahr nicht korrekt sei, da jetzt nahezu unzweifelhaft feststehe, dass die Eroica fast ganz im Jahr 1803 entstanden sei.  Ries habe sich in Bezug auf das Jahr eindeutig geirrt. Van der Zanden räumt jedoch ein, dass er sich vielleicht über den Entstehungsort nicht irrte, da Erinnerungen dieser Art aufgrund ihrer visuellen Gesichtspunkte sehr stark seien.  Daher solle man den von Ries genannten Entstehungsort nicht glattweg ablehnen, da es keine überzeugenden Beweise dafür gebe, dass Beethoven im Jahr 1803 nicht doch einige Zeit dort verbrachte.

Van der Zanden geht dann darauf ein, dass Beethoven selbstverständlich sein so genanntes Heiligenstädter Testament 1802 schrieb und wundert sich, ob es vielleicht die Veröffentlichung des selben in Ignaz von Seyfrieds Ludwig van Beethovens Studien im Generalbaß, Contrapunkt und in der Compositionslehre einige Jahre vor dem Erscheinen der Notizen gewesen sein mag, die Ries zu dem Glauben brachte, dass er sich (bereits) damals in Beethovens Gesellschaft befand.  In diesem Zusammenhang findet van der Zanden es besonders bemerkenswert, dass Ries in den Notizen einen Spaziergang mit Beethoven erwähnt, bei dem Ries eine Hirtenflöte hörte, Beethoven aber nicht, worauf er sehr trübsinnig wurde. (Ereignis Nr. 20 der Liste).  Ries zufolge trug sich dies auf dem Lande zu, und laut van der Zanden schrieb Ries einige Zeilen vorher, dass Beethoven bereits im Jahr 1802 Hörschwierigkeiten hatte.  Dies legt nach van der Zandens Meinung nahe, dass Ries damit ausdrücken wollte, dass sich der Spaziergang im Jahr 1802 zutrug.  Vielleicht, argumentiert er weiter, war es Beethovens ganz ähnlicher Bericht im Heiligenstädter Testament, der Ries dazu veranlasste, 1837 diese Anekdote mit der Komposition der Dritten Symphonie in Verbindung zu bringen und beide Ereignisse im Jahr 1802 anzusiedeln.  Van der Zanden plädiert dafür, dass diese Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden soll, da Ries auf S. 113 der Notizen ausdrücklich auf Seyfrieds Buch hinweise, was beweise, dass dessen Buch einen gewissen Einfluss auf ihn hatte.  Falls diese Hypothese richtig ist, fährt van der Zanden fort, müssen sich zwei sehr ähnliche Spaziergänge ereignet haben, nämlich einer, den Beethoven im Heiligenstädter Testament schildert und ein zweiter, im Jahr 1803, den Ries schildert, ihn aber irrtümlich im Jahr 1802 ansiedelt.

Vergleichen wir hier beide Berichte:

" -- so war es denn auch dieses halbe Jahr, was ich auf dem Lande verbrachte, von meinem Vernünftigen Arzte[4] aufgefordert, so viel als möglich mein Gehör zu schonen, kamm er <mir> fast meiner jezigen natürlichen Disposizion entgegen, obschon, Vom Triebe zur Gesellschaft manchmal hingerissen, ich mich dazu verleiten ließ, aber welche Demüthigung wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte, oder jemand den Hirten Singen hörte, und ich auch nichts hörte[5] solche Ereignisse brachen mich nahe an Verzweiflung, . . . " [Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe Band 1, Brief Nr. 106, "Heiligenstädter Testament", S. 121-125; von S. 122 zitiert; zu [4]: verweist laut GA auf Johann Adam Schmidt (1759-1809), Professor der Anatomie und Chirurgie, Lehrer für allgemeine Medizin an der Josephsakademie, der Beethoven seit 1801 behandelte; zu [5]: verweist laut GA auf Ferdinand Ries' Bericht aus den Notizen).

"Beethoven litt nämlich schon im Jahr 1802 verschiedenemal am Gehör, allein das Uebel verlor sich wieder.  Die beginnende Harthörigkeit war für ihn eine so empfindliche Sache, daß man sehr behutsam sein mußte, ihn durch lauteres Sprechen diesen Mangel nicht fühlen zu lassen.  Hatte er etwas nicht verstanden, so schob er es gewöhnlich auf eine Zersteutheit, die ihm allerdings in höherem Grade eigen war.  Er lebte viel auf dem Lande, wohin ich denn öfter kam, um meine Lection zu erhalten. [...] Auf einer dieser Wanderungen [die den Unterrichtsstunden gelegentlich voraus gingen] gab Beethoven mir den ersten auffallenden Beweis der Abnahme seines Gehörs, von der mir schon Stephan von Breuning gesprochen hatte.  Ich machte ihn nämlich auf einen Hirten aufmerksam, der auf einer Flöte, aus Fliederholz geschnitten, im Walde recht artig blies.  Beethoven konnte eine halbe Stunde hindurch gar nichts hören, und wurde, obschon ich ihm wiederholt versicherte, auch ich höre nichts mehr, (was indeß nicht der Fall war,) außerordentlich still und finster", s. Wegeler/Ries S. 98f" [Quelle: Fußnote 4, siehe links, in der die GA den Text aus den Notizen wiedergibt.] 

  

In Bezug auf Beethovens Aufenthaltsorte im Sommer 1803, schreibt van der Zanden, befindet sich die Beethoven-Forschung mit leeren Händen dastehend.  In diesem Zusammenhang dürfen wir auf unsere oben stehenden Zitate aus Thayer-Forbes und aus Beethoven Brief an Ries aus dem Sommer 1803 verweisen.

Um auf van der Zanden zurückzukommen: dieser verweist darauf, dass Beethoven bestimmt einige Zeit auf dem Lande verbrachte, da er sich in seinem Brief vom 5. Oktober 1803 an George Thomson für seine späte Antwort entschuldigt, nach der er u.a. einige Zeit auf dem Lande verbracht hatte.  Thomson habe Beethoven am 20. Juli 1803 geschrieben und könne kaum vor Mitte August in Wien eingetroffen sein.  Das bedeutet laut van der Zanden, dass sich Beethoven im August 1803 auf dem Lande befand, da er den Brief erst später erhalten habe.  Aller Wahrscheinlichkeit nach war Beethoven jedoch bereits früher auf dem Lande, wie es seine Gewohnheit gewesen sei.

Falls Beethoven sich 1803 während der Komposition der Eroica in Heiligenstadt aufhielt, argumentiert van der Zanden, würde dies ein bereits von ihm in seinem Artikel erwähntes Problem lösen, nämlich Beethovens Brief an Ries:

"Haben sie die Güte mir zu berichten, ob's wahr ist, daß Gr.[af] Browne die 2 Märsche[3] schon zum Stich gegeben -- mir liegt drann es zu wissen; -- ich erwart unausgesezt die Wahrheit von ihnen[4] -- nach heilgstadt Brauchen sie nicht zu kommen, indem ich keine Zeit zu verliehren habe. . . . " (Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 1, Brief Nr. 96, S. 115; von der GA dem Sommer 1802 zugeordnet; zu [3]: verweist laut GA "wahrscheinlich" auf die beiden Märsche Op. 45; zu [4]: in diesem Zusammenhang verweist die GA auf Ries' Zeilen an Franz Gerhard Wegeler vom 28.12.1837: "Brief von 1802.  Graf Browne wollte alle Beethovenschen Werke haben; da B.s Bruder Carl allerhand Mauschel mit den Verlegern trieb, so nahm ich einen großen Teil dieser Werke von ihm, weil alles in vollem Preise bezahlt wurde, und ich ihm diesen Verdienst gern gönte, weil ich auf allerhand Art suchen mußte, mir diese Brüder zu Freunden zu erhalten . . . Da Graf B.[rowne] hörte, ich hätte einen  Theil von C.[arl[ B=[eethoven] gekauft, so wollte er diesen nicht gleich zahlen, um ihn zu schikanieren -- indem er von frühern Zeiten ich weiß nicht welche Unannehmlichkeit mit ihm hatte.  Da das Zutrauen, welches mir Beet. unbedingt schenkte, diesem immer unangenehm war, so sagte C.B- seinem Bruder Louis, ich hätte das Geld erhalten und wollte es nicht geben, oder durchgebracht, un er habe gehört, die zwey Märsche seyen auch durch mich verkauft -- hierauf zwang ich B., direkt mit mir zum Graf Br. zu gehn, wo sich alles aufklärte.  Der Verkauf der Märsche war eine grade Lüge", s. Hill, Ries-Briefe S. 787 (Nr. 507)").

Ries' Aussage nach, schreibt van der Zanden, wurde dieser Brief 1802 geschrieben, jedoch könne man nur annehmen, dass dies ein Irrtum gleichen Ranges war wie die Annahme, dass die Dritte Symphonie 1802 komponiert wurde.  Beethoven sei 1803 über viele Monate hinweg mit dieser Komposition beschäftigt gewesen, und aufgrund der oben genannten Argumente erscheint es van der Zanden sicher, anzunehmen, dass zumindest ein Teil davon in Heiligenstadt entstand.


Van der Zanden untersucht nun seinen Gegenstand vom Standpunkt der Information zur Komposition der Klaviersonaten, Op. 31 und des Streichquintetts, Op. 29 aus.

Die Veröffentlichungsgeschichte der Klaviersonaten stehe eng mit Ries' Zusammenarbeit mit Beethoven in Verbindung und habe auf die Datierung einiger undatierter Briefe Beethovens einen Einfluss.  Auf Seite 87-90 der Notizen biete Ries wertvolle, aber sehr rätselhafte Information zu diesen Sonaten.  Nach Ries versprachen Beethoven und sein Bruder Carl die Sonaten jeweils einem anderen Verleger, was zu einem ernsten Streit führte:

"When the sonatas were ready to be sent off, Beethoven has living in Heiligenstadt. During a walk the brothers quarreled again, eventually even coming to blows.  On the next day he gave me the sonatas, to send to Zurich immediately ... When the proofs arrived, I found Beethoven busy writing. 'Go through the sonatas at the piano,' he said to me, while he remained sitting at his writing desk.  There was an abundance of mistakes in the proofs, which made Beethoven very restless.  At the end of the first Allegro of the Sonata in G major, however, Nägeli had even gone so far to include four measures of his own composition..." (Van der Zanden, Ferdinand Ries in Vienna: New Perspectives on the Notizen, Beethoven Journal Winter 2004, S. 62; van der Zanden zitierte hier aus: Notizen, 87-88, Beethoven Remembered, 76-77; "Als die Sonaten zum Versand bereit waren, wohnte Beethoven in Heiligenstadt. Während eines Spaziergangs stritten die Brüder wieder, ja, sie wurden fast handgreiflich.  Am nächsten Tag gab er mir die Sonaten, damit ich sie sofort nach Zürich sende --- Als die Korrekturbögen eintrafen, fand ich Beethoven schreibend beschäftigt. 'Gehen Sie die Sonaten am Klavier durch,' sagte er zu mir, während er an seinem Schreibtisch sitzen blieb.  Es befand sich eine Fülle von Fehlern in den Korrekturbögen, was Beethoven sehr unruhig machte.  Am Ende des ersten Allegros der G-Dur-Sonate ist Nägeli sogar so weit gegangen, vier Takte seiner eigenen Komposition einzufügen").

Im Frühjahr 1802 habe Nägeli Beethoven eingeladen, eine Reihe von Klavierwerken zu liefern, die er in der Reihe Repertoire de clavecinistes veröffentlichen wollte.

Nägeli habe von Beethoven drei Sonaten (später noch eine vierte) bestellt, die in zwei Teilen von je zwei Sonaten veröffentlicht werden sollten, jedoch habe Beethoven die vierte Sonate nie geschrieben.  Wie van der Zanden berichtet, habe Nägeli jedoch selbst im Sommer 1803 noch auf sie gehofft.

Die heute als Klaviersonate Op. 31 Nr. 1 + Nr. 2 bekannten Sonaten wurden von Nägeli im April 1803 ohne Opusnummer veröffentlicht, da es die drei Sonaten unter dieser Opusnummer noch nicht gab.

Laut van der Zanden spielte Ries aus dieser Ausgabe vor, die die vielen Fehler enthalten habe, die Beethoven so geärgert hätten.  Dieser Abschnitt der Ries-Anekdote, der zweite Teil des obigen Zitates, kann daher laut van der Zanden leicht auf den Mai 1803 datiert werden.

Eine andere Nägeli-Ausgabe, die im November 1804 erschienen sei, habe die heute als Op. 31, Nr. 3 bekannte Sonate enthalten.  Da Beethoven sich geweigert hatte, eine vierte Sonate zu liefern, habe Nägeli die Pathethique angehängt.

In bezug auf den Teil von Ries' Anekdote, in dem er den Versand der Sonate an Nägeli bespreche, sei es verführerisch, diesen auf 1802 festzulegen, also auf eine Zeit, von der bekannt sei, dass sich Beethoven von April bis Oktober in Heiligenstadt aufhielt.

Jedoch zeigt laut van der Zanden eine Untersuchung der Kessler- und Wielhorsky-Skizzenbücher, dass Beethoven an der letzten der drei Nägeli-Sonaten noch im Oktober (1802) oder möglicher Weise noch später arbeitete.  Wahrscheinlich habe er diese Sonate erst Anfang 1803 fertig gestellt.  Dies würde bedeuten, dass, falls 1802 Sonaten an Nägeli in Zürich abgesandt wurden, es sich dabei nur im die ersten zwei handeln konnte, was laut van der Zanden sehr gut möglich ist, da die ersten zwei Sonaten im April 1803 erschienen und die dritte noch nicht mit erschienen sein konnte.

Van der Zanden fragt sich jedoch, ob es sich dabei um die Sendung gehandelt haben kann, die Ries auf Beethovens Anweisung erledigte.  Falls ja, dann würde dies Ries' Ankunft in Wien Anfang 1803 ernstlich in Frage stellen.

Van der Zanden stellt dann die Frage, ob Ries vielleicht eine andere Sendung aus Heiligenstadt an Nägeli auf den Weg brachte, und vielleicht später als im Jahr 1802.  Zur Beantwortung dieser Frage muss man sich laut van der Zanden vor Augen halten, dass Beethoven vielleicht auch im Sommer 1803 in Heiligenstadt wohnte, obwohl es dazu keine genauen Daten gebe.

Zweitens, argumentiert van der Zanden, falls wirklich im Jahr 1802 zwei Sonaten an Nägeli abgingen, muss ein Grund dafür bestanden haben, nämlich der, dass die dritte Sonate, die Ende 1802/Anfang 1803 vorlag, zurückbehalten wurde, da Beethoven vorhatte, noch eine vierte Sonate zu schreiben und zu liefern, was er dann jedoch nicht verwirklichte.

Vielleicht, schreibt van der Zanden, sandte Ries eine dritte Sonate im Frühjahr 1803 aus Heiligenstadt ab, und vielleicht lagen der Sendung Korrekturen zu den ersten zwei Sonaten bei, da Ries ja von "Sonaten" geschrieben habe.  Solch eine gesonderte Sendung (der dritten Sonate) würde dann auch Ries' Bemerkung in einem späteren Brief an Simrock erklären, in bezug auf Beethovens Weigerung, Nägeli eine vierte Sonate zu schreiben und in Bezug auf die Verzögerung der Veröffentlichung der vierten Sonate.

Laut van der Zanden bietet das Streichquintett, Op. 29, ein vergleichbares Datierungsproblem.  In den Notizen (S. 129) schreibe Ries, dass Beethoven von Artaria verlangt habe, alle 50 bereits gedruckten Kopien dieser Piratenausgabe an Ries zu liefern.  Beethoven habe Ries dann angeordnet, diese so grob mit Tinte zu korrigieren, dass sie unmöglich weiterverkauft werden konnten.  Oft sei angenommen worden, dass sich dies 1802 ereignet hatte, da Artarias Ausgabe im Sommer dieses Jahres erschienen sei.  Jedoch habe G.A. Griesinger in einem Brief vom 8. Dezember 1802 an Breitkopf & Härtel geschrieben, dass Artaria, um den Streit mit Beethoven zu belegen, bereit gewesen sei, seine Ausgabe erst zwei Wochen nach der bei Breitkopf & Härtel erschienenen Ausgabe von Op. 29 zu veröffentlichen.  Breitkopf & Härtel habe als der rechtmäßige Besitzer von Op. 29 gegolten.  Diese bedeutet, schreibt van der Zanden, dass Artaria die 50 Kopien an Beethoven bzw. Ries nicht vor Januar 1803 lieferte.  Es sei jedoch wahrscheinlicher, dass diese erst geliefert wurden, nachdem Beethoven am 22. Januar in der Wiener Zeitung eine Erklärung veröffentlichte, in der Artarias Ausgabe als sehr fehlerhaft, unkorrekt und für Spieler sehr nutzlos bezeichnet worden sei.

Diese Kopien sollten laut van der Zanden nicht mit den zwölf Kopien verwechselt werden, die Beethoven zuvor als Freiexamplare erhalten habe.  Hierbei verweist van der Zanden auf Beethovens Brief vom 13. November 1802 an Breitkopf & Härtel (GA Band 1, Brief Nr. 110, S. 128 - 132).  Brandenburg habe geschrieben, dass diese Kopien verschandelt worden seien, was seiner Meinung nach wenig Sinn ergebe, falls Ries diese Freiexemplare zerstören sollte, die keinen Handelswert hatten.

Van der Zanden geht dann auf Ereignis Nr. 50 zu, einen Brief Beethovens, den Ries auf "vermutlich 1801" datiert habe.  In diesem Brief habe Beethoven Ries gerügt, ihn nicht über seine schlechte Finanzlage informiert zu haben:

"Beethoven an Ferdinand Ries

                                                               [Wien, April 1802][]1]

    hier lieber Rieß, nehmen sie gleich die 4 von mir corrigirte Stimmen[2], und sehen sie die andern abgeschriebenen darnach durch, und wenn sie Versichert sind, daß 4 von den abgeschriebenen Stimmen recht richtig und genau corrigirt sind, so will ich übermorgen um die 4 <von mir> mit N. I bezeichnete Stimmen schicken, dann können sie die anderen nach den von ihnen durchgesehnen corrigiren -- hier den Brief an gr. Browne[3], es steht drin, daß er ihnen die 50 # voraus geben muß, weil sie sich eqipiren müßen, dies ist eine Nothwendigkeit, die ihn nicht beleidigen kann, dann nachdem das geschehen söllen sie künftige Woche schon am Montag mit ihm nach Baden gehn -- Vorwürfe muß ich ihnen denn doch machen, daß sie sich nicht schon lange an mich gewendet, bin ich nicht ihr wahrer Freund, warum verbargen sie mir ihre Noth, keiner meiner Freunde darf darben, so lange ich etwas hab, ich hätte ihnen heute schon eine kleine Summe geschickt, wenn ich nicht auf Browne hoffte, geschieht das nicht, so wenden sie sich gleich an ihren Freund

                                                                                              Beethowen"

[Quelle:  Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 1, Brief Nr. 87, S. 109; Original: Bonn, Beethoven-Haus, Sammlung Bodmer; zu [1]: die GA verweist hier darauf, dass der Brief wohl mit der von Beethoven für den April 1802 geplanten Akademie, aus der jedoch nichts wurde, zusammenhängt, und Ries' Dienstantritt bei Graf Browne bei Saisonbeginn wird als weiteres Datierungsindiz erwähnt; zu [2]: verweist laut GA auf die Streicherstimmen eines neuen Orchesterwerks, wohl der Zweiten Symphonie, Op. 36; zu [3]: verweist laut GA auf Johann Georg Reichsgraf von Browne-Camus; Einzelheiten S. 109 entnommen]

Laut van der Zanden datierte Emily Anderson diesen Brief auf den März 1803 und Brandenburg auf den April 1802.  Da sich der Brief mit Ries' zukünftigen Tätigkeiten für Graf Browne befasst, könne angenommen werden, dass er im Frühjahr geschrieben wurde.

Van der Zanden zieht den Schluss, dass Ries von Graf Browne bestimmt für den Sommer 1803 eingestellt wurde, was durch die "Episode" mit den Märschen, Op. 45 bestätigt werde.  Dies lege nahe, dass der Brief möglicher Weise im April oder Mai 1803 geschrieben wurde, was mit Ries' schlechter Finanzlage kurz nach seiner Ankunft in Wien übereinstimme.  Beethovens Großzügigkeit sei vielleicht ein Resultat seines erfolgreichen Akakemiekonzerts vom 5. April 1803 gewesen.


Laut van der Zanden führt eine Überprüfung des Inhalts der Notizen zu dem Schluss, dass es keine einzige solide Indikation dafür gebe, dass Ries bereits 1802 nach Wien kam, geschweige denn früher. Es sei sicher, anzunehmen, dass er dort nicht früher als in den ersten Monaten des Jahres 1803 eintraf, und zwar am wahrscheinlichsten im Februar oder März, vorausgesetzt, dass Beethoven im Sommer diese Jahres und wahrscheinlich auch im Frühjahr in Heiligenstadt wohnte.  Diese neue Datierung erfordere ein Umarrangieren einiger Beethoven-Briefe in der Gesamtausgabe, und biete einige interessante Reflexionspunkte:

Zum Ersten sei Ries nicht Beethovens Helfer für 4-5 Jahre, sondern nur für die Hälfte dieser Zeit gewesen.  Solch eine Korrektur erinnere uns an eine ähnliche Korrektur in Bezug auf die Dauer von Anton Schindlers Bekanntschaft mit dem Komponisten.  Jedoch weise nichts darauf hin, dass Ries die Dauer seines Zusammenseins mit Beethoven in Wien absichtlich übertrieben habe.  Er habe wohl einfach ein schlechtes Datengedächtnis besessen.

Es ist laut van der Zanden interessant, sich vorzustellen, bei welchen Ereignissen Ries also nicht Zeuge war:

Diese Korrektur des Ankunftsdatums von Ferdinand Ries in Wien erfordere auch die Revision anderer unkorrekter Annahmen oder Aspekte der Beziehung zwischen Ries und Beethoven, die jedoch erst noch untersucht werden müssten.


Abschließend können wir Ihnen hier noch eine Zusammenstellung der Van-der-Zanden-Liste, jedoch mit Seitenangaben aus Beethoven Remembered, und eine Zusammenstellung der in der Henle-Gesamtausgabe enthaltenen relevanten Korrespondenz bieten:

TABELLARISCHE AUFSTELLUNGEN
ZUM THEMA

Es liegt uns aus offensichtlichen Gründen fern, hier selbst ein Fazit aus van der Zandens Bericht zu ziehen, da es sich bei seiner Arbeit um einen sehr interessanten, ersten Anstoß handelt, den die Beethoven-Forschung aufgreifen kann oder wird.  Erst diese weitere Entwicklung wird zeigen, ob und in welchem Ausmaß durchgreifende Revisionen der Datierung des Quellenmaterials folgen werden.


Quellenangaben:

Beethoven Remembered  The Biographical Notes of Franz Wegeler and Ferdinand Ries.  Foreword by Christopher Hodwood.  Introduction by Eva Badura-Skoda.  Translated from the German  Biographische Notizen über Ludwig van Beethoven (1838, 1845) by Frederick Noonan.  Arlington, VA:  1987.  Great Ocean Publishers.

Cooper, Barry: Beethoven.  (Master Musician Series, edited by Stanley Sadie). Oxford: 2000.  Oxford University Press.

Kropfinger, Klaus.  Beethoven.  Kassel, Basel, London, New York, Prag, Stuttgart, Weimar: 2001.  Bärenreiter Metzler, MGGPrisma.

Lockwood, Lewis.  Beethoven - The Music and the Life.  New York: 2002.  Norton & Company.

Ludwig van Beethoven.  Briefwechsel Gesamtausgabe. [6 Bände]  Im Auftrag des Beethoven-Hauses Bonn herausgegeben von Sieghard Brandenburg.  München: 1996.  G. Henle Verlag.

Thayer's Life of Beethoven, edited by Elliott Forbes. Princeton: 1964.  New Jersey Princeton University Press.

The New Grove Dictionary of Music and Musicians.  Edited by Stanley Sadie and John Tyrell.  Oxford: 2001.  Oxford University Press.

Van der Zanden, Jos.  Ferdinand Ries in Vienna:  New Perspectives on the Notizen.  Beethoven Journal.  Winter 2004.  Volume 19. Number 2.