Beethovens
Fünf Klavierkonzerte:
Entstehungsgeschichte, Zweiter Teil


 


Beethoven  1803
Portrait von Hornemann

Ein Brief Beethovens aus Baden an Ries, der den 14. Juli 1804 als Datum trägt, enthält einen Hinweis auf eine Probe bei  Schuppanzigh am Mittwoch, dem 18. Juli, das sich Beethoven vormerkte, um es nicht zu versäumen.  Es handelte sich um Ries' Probe des 3. Klavierkonzerts.  Lesen wir dazu Ries' eigenen Bericht:

"Beethoven had given me his beautiful Concerto in C minor (Op. 37) in manuscript so that I might make my first public appearance as his pupil with it; and I am the only one who ever appeared as such while Beethoven was alive. . . . Beethoven himself conducted, but he only turned the pages and never, perhaps, was a concerto more beautifully accompanied. He had two large rehearsals. I had asked Beethoven to write a cadenza for me, but he refused and told me to write one myself and he would correct it. Beethoven was satisfied with my composition and made few changes; but there was an extremely brilliant and very difficult passage in it, which, though he liked it, seemed to him too venturesome, wherefore he told me to write another in its place. A week before the concert he wanted to hear the cadenza again. I played it and floundered in the passage; he again, this time a little ill-naturedly, told me to change it. I did so, but the new passage did not satisfy me; I therefore studied the other, and zealously, but was not quite sure of it. When the cadenza was reached in the public concert Beethoven quietly sat down. I could not persuade myself to choose the easier one. When I boldly began the more difficult one, Beethoven violently jerked his chair; but the cadenza went through all right and Beethoven was so delighted that he shouted 'Bavo!' loudly. This electrified the entire audience and at once gave me a standing among the artists. Afterwards, while expressing his satisfaction he added: 'But all the same you are willful! If you had made a slip in the passage I would never have given you another lesson!" (Thayer: 355; "Beethoven hatte mir sein schönes c-Moll-Konzert (Op. 37) gegeben für meinen ersten öffentlichen Auftritt als sein Schüler.  Ich bin auch der einziger, der jemals als solcher zu Beethovens Lebzeiten auftrat. . . . Beethoven selbst dirigierte, aber er blätterte nur die Seiten um, und vielleicht wurde ein Konzert niemals so schön begleitet.  Er setzt zwei große Proben an. Ich hatte Beethoven gebeten, eine Kadenz für mich zu schreiben, aber er lehnte dies ab und sagte mir, daß ich mir selbst eine Kadenz dazu schreiben sollte, und daß er sie korrigieren würde.Beethoven war mit meiner Arbeit zufrieden und korrigierte nur wenig daran; aber darin kam eine sehr brilliante und schwierige Passage vor, die er, obwohl er sie mochte, ihm zu abenteuerlich erschien, so daß er mich bat, eine andere als Ersatz zu schreiben.  Eine Woche vor dem Konzert wollte er die Kadenz nocheimal hören.  Ich spielte sie und vermasselte diese Passage; er bat mich erneut, diesmal aber ein wenig strenger, sie zu ändern.  Ich tat es, aber die neue Passage gefiel mir nicht. Darum übte ich dieandere sehr fleißig, war mir aber immer noch nicht sicher.   Als im Konzert diese Kadenz an die Reihe kam, setzte sich Beethoven ruhig nieder.  Ich hatte mich nicht dazu entschließen können, die leichtere zu spielen.  Als ich dann mutig begann, die schwierigere zu spielen, rückte Beethoven gewaltsam seinen Stuhl; aber die Kadenz war ein Erfolg und Beethoven war so begeistert, daß er laut 'Bravo!' ausrief.  Dadurch wurden die Zuhörer elektrisiert, und dies verschaffte mir von Anfang an einen guten Ruf als Künstler.  Als Beethoven mir danach seine Zufriedenheit ausdrückte, fügte er hinzu: 'Trotzdem sind Sie stur!  Wenn sie einen Fehler gemacht hätten, hätte ich Ihnen nie mehr eine Lektion gegeben!").

In bezug auf Beethovens erste drei Klavierkonzerte weiß Thayer ferner zu berichten, daß die ersten zwei innerhalb zweier Jahre in  Frankfurt am Main aufgeführt wurden und in Berlin im Herbst 1804, während das dritte Klavierkonzert vom Kunst-und Industrie-Comptoir 1804 veröffentlicht wurde und Prinz Louis Ferdinand von Preußen gewidmet war.

Lediglich eine weitere Mittelung in bezug auf die ersten zwei Klavierkonzerte kann hier angefügt werden, nämlich von Ries, der berichtet:

"I recall only two instances in which Beethoven told me to add a few notes to his composition: once in the theme of the rondo of the 'Sonate Pathetique' (Op. 13) and again in the theme of the rondo of his first Concerto in C major, where he gave me some passages in double notes to make it more brilliant. He played this last rondo, in fact, with a expression peculiar to himself. . . . " (Thayer: 367; "Ich erinnere mich nur an zwei Fälle, in denen Beethoven mir befahl, einige Noten zu einer seiner Kompositionen hinzuzufügen: einmal im Falle des Rondos der 'Sonate Pathetique' (Op. 13) und wiederum im Thema des Rondos seines ersten C-Dur- Klavierkonzerts, in dem er einige Passagen in Doppenoten schrieb, um es brillianter zu machen.  Er spielte dieses letzt Rondo wirklich mit einer sehr eigentümlichen Ausdruckskraft. . . . ").

Was die ersten Hinweise auf Beethovens viertes Klavierkonzert betrifft, können wir uns an Barry Cooper halten, der in bezug auf Anfang 1804 berichtet:

"Amongst the first sketches for Leonore are very early ones for three major works that were not completed for several years and had to wait until 1808 for their public premiere: the Fifth and Sixth Symphonies, and the Fourth Piano Concerto" (Cooper: 138; Cooper berichtet hier, dass sich inmitten von Beethovens frühesten Entwürfen fr Leonore auch sehr frühe Entwürfe für drei große Werke Beethovens befanden, die erst im Jahr 1808 zur Aufführung gelangen sollten, nämlich die Fünfte und Sechste Symphonie und das Vierte Klavierkonzert.)

Cooper berichtet weiter, dass Beethoven in der Reihenfolge der grossen Werke, die er im Jahr 1806 bearbeitete, das Vierte Klavierkonzert zuerst begann, und zwar nach der Revision seiner Oper Fidelio/Leonore (also im Winter/Frühjahr 1806).  (Thayer legt Beethovens Beginn seiner Arbeit an diesem Klavierkonzert in das Jahr 1805 [Thayer: 392]).  Cooper führt dazu aus, dass Beethoven in dieser Zeit kein Skizzenbuch benutzte, sondern lose Blätter, und dass viele davon verloren gegangen seien, so dass der Fortgang seiner Arbeit an diesem Werk nicht leicht zu verfolgen sei.  Sein erster Entwurf von Anfang 1804 soll nur etwa fünf Takte umfasst haben, dass aber spätestens am 5. Juli 1806 eine erste Partitur vorlag, da Beethoven das Werk Breitkopf und Härtel in seinem Brief vom 5. Juli 1806 anbot (Cooper: 155).

Thayer wiederum berichtet, dass Caspar Carl van Beethovenas Werk  Hoffmeister und Kühnel zusammen mit Christus am Ölberge für 600 Gulden in einem Brief vom 27. März 1806 anbot.  Flechten wir hier aber den Text von Beethovens eigenem Brief ein:

"Wien, am 5ten Juli 1806.

P.S.

Ich benachrichtige Sie, daß mein Bruder in Geschäften seiner Kanzlei nach Leipzig reist, und ich habe ihm die Ouvertüre von meiner Oper im Klavierauszug, mein Oratorium und ein n e u e s K l a v i e r k o n z e r t miggegeben.--" (Schmidt, Beethoven= Briefe, 44).

Wir wissen nicht, ob diese Reisepläne verwirklicht wurden oder nicht und können nur beobachten, daß

"New offers were made in the fall, still with no results. Thus the work, composed probably in the spring of this year (17: There is a sketch for the opening of the first movement near the end of the "Eroica" sketchbook, thus early 1804. See Nottebohm, Ein Skizzenbuch (1880), p. 69), may not have received its final touches until the end of the year through lack of a publisher" Thayer: 407; "Neue Angebote im Herbst gemacht wurden, aber immer noch ohne Ergebnis.  Daher wird das Werk, das wahrscheinlich im Frühling dieses Jahres komponiert wurde (17: Es gibt eine Skizze des Anfangs des ersten Satzes am Ende des "Eroica"-Skizzenbuches, daher stammt diese wohl vom Winter 1804.  Siehe Notteboh, Ein Skizzenbuch (1880), S. 69), nach Thayer seine endgültige Form wohl nicht bis zum Ende des Jahres erhielt, und das aufgrund des Fehlens eines Verlegers).

Hierzu sollte Cooper zum Vergleich herangezogen werden: "...but the essential elements of the concerto were evidently fixed by that time, for later sketches are associated with relatively minor details" (Cooper: 155; Cooper argumentiert, dass das Werk im Wesentlichen entworfen war und dass spätere Skizzen sich nur noch mit verhältnismäßig kleinen Einzelheiten befassten.)

Cooper berichtet, dass das Vierte Klavierkonzert, wie auch die Coriolan-Ouvertüre und die Vierte Symphonie im März 1807 privat zum erstenmal aufgeführt wurden (Cooper: 163), und dass der Komponist, Pianist und Klavierbauer aus London, Muzio Clementi, mit Beethoven 1807 endlich in engeren Kontakt treten konnte und einen Verlagsvertrag mit ihm abschloss, der ihm die englischen Publikationsrechte auf seine neuesten Kompositionen wie die Vierte Symphonie, die sogenannten Razumovsky-Quartette, das Violinkonzert, die Coriolan-Ouvertüre, aber auch auf das Vierte Klavierkonzert, zusicherten.  Drei der Werke, darunter das Klavierkonzert, gingen bereits am 22. April nach England ab (Cooper: 166, 167).

In bezug auf die eigentliche Uraufführung dieses Konzerts müssen wir das Jahr 1806 mit seiner erstaunlichen Anzahl von "lyrischen Werken" wie der 4. Symphonie und dem Violinkonzert, Beethovens Streit mit Fürst Lichnowsky im Sommer und dessen sehr wahrscheinliche Folge des Wegfallens seiner ihm von Lichnowsky ausgesetzten Jahresrente von 600 Gulden hinter uns lassen und uns in die darrauffolgende Zeit seiner finanziellen Unsicherheit als freischaffender Künstler begeben, aber auch in die Zeit, in der er neue Freunde und Gönner gefunden hatte wie zum Beispiel Erzherzog Rudolph (für den er bereits op. 56, das sogenannte 'Trippelkonzert' für Klavier, Violine, Cello und Orchester komponiert hatte, das jedoch Fürst Lobkowitz gewidmet war, und das im Mai 1808 uraufgeführt wurde, und dem er nun das im August 1808 veröffentlichte Vierte Klavierkonzert widmete [Cooper: 178]) und Gräfin Erdödy, also auch über das Jahr 1807 hinaus ins Jahr 1808, an dessen Ausklang er in der Krügerstraße 1074, im selben Hause wie Gräfin Erdödy, eine Wohnung bezogen hatte.

Sehr wahrscheinlich bedingt durch seinen finanzielle Situation sah diese Zeit auch seine Verhandlungen um den Posten eines Kapellmeisters in Kassel, der ihm vom König von Westfalen, Jerome Bonaparte, Napoleons Bruder, angeboten worden war.

Aus unseren Biographischen Seiten wissen wir auch, daß dies nicht bedeutete, daß Beethoven sich nicht darum bemühte, ein Auskommen als freischaffender Künstler zu finden, da er gegen Ende 1808 sehr mit der Planung seines für den 22. Dezember vorgesehenen Akademiekonzerts im Theater an der Wien beschäftigt war.  Sehen wir uns nun die Liste der Werke an, die an diesem Abend aufgeführt werden sollten:

"The Akademie was advertised in the Wiener Zeitung of December 17 as follows:

MUSICAL. A K A D E M I E

On Thursday, December 22, Ludwig van Beethoven will have the honor to give a musical Akademie in the R.I. Priv. Theater-an-der-Wien. All the pieces are of his composition, entirely new, had not yet  been heard in public. . . . First Part:

1. A Symphony, entitled: "A Recollection of Country Life," in F major (No. 5).
2. Aria. 3. Hymn with Latin text, composed in the church style with chorus and solos. 4. Pianoforte Concerto played by himself.

Second Part. 1. Grand Symphony in C minor (No. 6). 2. Holy, with Latin text composed in the church style with chorus and solos. 3. Fantasia for Pianoforte alone. 4. Fantasia for the Pianoforte which ends with the gradual entrance of the entire orchestra and the introduction of choruses as finale.
Boxes and reserved seats are to be had in the Krugerstrasse No. 1074, first story. Beginning at half past six o'clock" (Thayer: 446;  Thayer berichtet hier, daß die Akademie in der Wiener Zeitung vom 17. Dezember wie folgt angekündigt wurde:  MUSICAL. A K A D E M I E  Am Donnerstag, den 22. Dezember, wird Ludwig van Beethoven die Ehre haben, eine musikalische Akademie im Kgl.-Kaiserl. Theater an der Wien zu geben. Alle Stücke sind von seiner Komposition, ganz neu, noch nichty in der Öffentlichkeit gehört. . . .  Erster Teil:  1.  Eine Symphonie mit dem Titel: "Eine Erinnerung an das Leben auf dem Lande," in F-Dur (Nr. 5).  2. Arie.  3. Hymne mit lateinischen Text, im Kirchenstil komponierten, mir Chor und Soloteilen.  4. Klavierkonzert, von ihm selbst gespielt.  Zweiter Teil. 1. Große Symphonie in C-Moll (No. 6).  2. Heilig, mit lateinischem Text, im Kirchenstil komponiert, mit Chor und Soloteilen.  3. Fantasie für  Pianoforte allein.  4. Fantasie für das Pianoforte, die mit dem allmählichen Einsetzten des ganzen Orchesters und einem Chor als Finale endet. Logen und reservierte Plätze sind in der Krügerstraße No. 1074 im ersten Stock zu haben.  Anfang ist um sechs Uhr dreissig).

Es wird berichtet, daß es Beethovens Bereitschaft war, in Benefizkonzerten wie denen vom 15. November 1805 (bei dem seine Vierte Symphonie gespielt wurde), 13. April und 15. November 1808, zu erscheinen, die Hofrat Joseph Hartl, den damaligen Theaterdirektor, veranlassten, Beethoven seine eigene 'Akademie' zu erlauben.

Andererseits geschah es vielleicht bei den Proben oder beim letzten erwähnten Benefitzkonzert vom 15. November 1808, daß Beethoven sich mit den Orchestermitgliedern zerstritt, was dann zu einer peinlichen Situation hinsichtlich der Proben für seine eigene Akademie führte, wozu Thayer diesen Bericht, der auf Zitaten eines Gesprächs mit Röckel basiert, bringt:

"Beethoven had made the orchestra of the Theater-an-der Wien so angry with him that only the leaders, Seyfried, Clement, etc., would have anything to do with him, and it was only after much persuasion and upon condition that Beethoven should not be in the room during the rehearsals, that the rank and file consented to play. During the rehearsals, in the large room in back of the theatre, Beethoven walked up and down in an anteroom, and often Röckel with him. After a movement Seyfried would come to him for criticsms. Röckel believed the story (i.e., if told of a rehearsal) of Beethoven in his zeal having knocked the candles off the pianoforte, and he himself saw the boys, one on each side, holding candles for him" (Thayer: 447 "Beethoven hatte das Orchester des Theaters an der Wien zo zornig gemacht, daß nur dessen Leiter, Seyfried, Clement, usw., mit ihm noch etwas zu tun haben wollten, und erst nach langer Überredung und unter der Bedingung, daß daß Beethoven bei der Probe selbst nicht anwesend sei, stimmten die Orchestermitglieder zu, zu spielen.  Während der Proben ging Beethoven im großen Raum im hinteren Teil des Theaters in einem Vorraum auf und ab, und Röckel oft mit ihm.  Nach einem Satz kam dann Seyfried zu ihm für seine Kritik.  Röckel glaubte die Geschichte (d.h. die, die man sich von einer Probe erzählte), nach der Beethoven in seinem Eifer die Kerzen vom Klavier geschlagen haben soll, und er selbst sah die Jungen, von denen jeweils einer auf der einen und der anderen Seite des Klaviers stand und die Kerzen für ihn hielt").

Sehen wir uns nun Reichhardts Bericht über dieses Konzert an:

"I accepted the kind offer of Prince Lobkowitz to let me sit in his box with hearty thanks. There we continued, in the bitterest cold, too, from half past six to half past ten, and experienced the truth that one can easily have too much of a good thing--and still more of a loud. Nevertheless, I could no more leave the box before the end than could the exceedingly good-natured and delicate Prince, for the box was in the first balcony near the stage, so that the orchestra with Beethoven in the middle conducting it was below us and near at hand; thus many a failure in the performance vexed our patience in the highest degree. Poor Beethoven, who from this, his own concert, was having the first and only scant profit that he could find in a whole year, had found in the rehearsals and performance a lot of opposition and almost no support. Singers and orchestra were composed of heterogeneous elements, and it had been found impossible to get a single full rehearsal for all the pieces to be performed, all filled with the greatest difficulties" (Thayer: 448; "Ich nahm das gütige Angebot von Fürst Lobkowitz, in seiner Loge zu sitzen, mit herzlichem Dank an.  Dort saßen wir in der bittersten Kälte, von sechs Uhr dreissig bis zehn Uhr dreissig, und erlebten es selbst, daß man leicht zu viel von einer guten Sache haben kann--und noch mehr von einer lauten. Nichtsdestotrotz konnte ich ebensowenig wie der zarte, gutmütige Fürst Lobkowitz die Loge vor dem Ende verlassen, denn sie befand sich auf dem ersten Balkon in derNähe der Bühne, und Beethoven unter in der Mitte, dirigierend; so stellten viele Fehler in der Darbietung unsere Geduld auf die höchste Probe. Der arme Beethoven, der von diesem Konzert den ersten mageren Gewinn dieses Jahres aus diesem Konzert hatte, fand während der Proben und bei der Vorstellung sehr viel Widerstand und fast keine Unterstützung. Sänger und Orchester setzten sich aus ungleichartigen Elementen zusammen, und es hatte sich als sehr schwierig herausgestellt, eine ganze Probe für  alle Stücke, die gespielt werden sollten, zu erhalten").

In bezug auf alle Unbillen im Zusammenhang mit der bei diesem Konzert auch uraufgeführten Chorfanfasie ist es sicherlich angebracht, diese in einer gesonderten Werkgeschichte zu schildern.

Während Beethoven auch Ries gebeten hatte, sein Klavierkonzert Nr. 4 beim Benefizkonzert für den Fond der Witwen und Waisen am 23. Dezember zu spielen, bat Ries ihn, dem nur fünf Tage zur Verfügung standen, das neue Werk zu lernen, ob er stattdessen sein c-moll-Klavierkonzert spielen könne.   Ein sehr zorniger Beethoven wandte sich daraufhin an den jungen Pianisten Stein, der sich gezwungen sah, Beethovens Wunsch nachzukommen, aber dann das Werk nicht rechtzeitig vorbereiten konnte, sodaß Beethoven letztendlich doch damit einverstanden sein mußte, daß Ries an diesem Abend das c-moll-Klavierkonzert spielte.

Unsere Schilderung der Ereignisse des Jahrs 1808 schließ mit Thayers Hinweis auf die Veröffentlichung des 4. Klavierkonzertes durch das Kunst- und Industrie-Comptoir in Wien, und daß es Erzherzog Rudolph von Österreich gewidmet war (siehe auch bereits oben, Cooper: 178).

Während die Angelegenheit des Angebots des Kasseler Kapellmeisterpostens an Beethoven in der Thayer/Forbes-Ausgabe am Anfang des Kapitels des Jahres 1809 diskutiert wird, wird die Richtigkeit dessen, daß wir die Anfänge dieses Vorgangs hier in den späten Teil des Jahres 1808 platzierten, durch Thayers Kommentar, "A letter dated Jan. 7, 1809, by Beethoven to Breitkopf and Härtel, indicates that at the opening of the year 1808, Beethoven was still firmly resolved to go to Cassel" (Thayer: 453; hier beschreibt Thayer, daß ein Brief Beethovens vom 7. Januar 1809 an Breitkopf und Härtel darauf hinweist, daß Beethoven noch fest dazu entschlossen war, nach Kassel zu gehen") bestätigt. Lassen Sie uns den relevanten Teil dieses Briefes im Originaltext betrachten:

"Endlich bin ich denn nun von Ränken und Kabalen und Niederträchtigkeiten aller Art gezwungen, daß noch einzige deutsche Vaterland zu verlassen; auf einen Antrag Seiner Königlichen Majestät von Westfalen gehe ich als Kapellmeister mit einem jährlichen Gehalt von 600 Dukaten in Gold dahin ab--ich habe eben heute meine Zusicherung, daß ich komme, auf der Post abgeschickt, und erwarte nur noch mein Dekret, um hernach meine Anstalten zur Reise, welche über Leipzig führen soll, zu treffen.-- . . . " (Schmidt, Beethoven=Briefe: 59-60).


 



Beethoven 1808
Zeichnung von Schnorr

Die Jahreswende 1808 / 1809 ist auch die Zeit, in der wir nach den ersten Entwürfen zu Beethovens Klavierkonzert Nr. 5, Op. 73 suchen sollten, das er auch Erzherzog Rudolph widmete. Thayer berichtet, daß diese Entwürfe im Grasnick-Skizzenbuch zu finden seien, gleich nach der Chorfantasie, die am 22. Dezember 1808 uraufgeführt wurde.  Kinsky-Halm und Nottebohm seien unterschiedlicher Meinung in bezug auf den Zeitpunkt, an dem diese Entwürfe begonnen wurden.  Während Nottebohm diese noch im Jahr 1808 ansiedelt, vertritt Kinsky-Halm die Meinung, daß diese nur nach dem Konzert vom 22. Dezember 1808 gegonnen worden sein konnten und daß sie, zusammen mit der später komponierten Klaviereinführung zur Fantasie, Anfang 1808 angesiedelt werden sollten.

Thayer gemäß sei der Großteil der Entwürfe für das fünfte Klavierkonzert im Meinert-Skizzenbuch zu finden und erstrecke sich vom Februar bis zum Oktober 1809.

Welche Ereignisse in diesen Zeitraum fallen, diskutierten wir auch in unseren Biographischen Seiten, besonders den Pensionsvertrag zu Beethovens Gunsten, der hm März 1809 zustandegekommen zu sein schien, wie auch aus dem Brief Beethovens an Breitkopf und Härtel vom 4. März 1809 ersichtlich wird:

"My honored Sir:

From the enclosed you see how things have changed, and that I shall stay here--although perhaps I can plan to make a little trip after all if the storm clouds that are now threatening don't develop;-- . . . " (Thayer: 460; "Mein geehrter Herr:  Von dem Beigefügten können Sie sehen, wie sich die Dinge hier verändert haben, und daß ich hierbleiben werde--obwohl ich vielleicht eine kleine Reise planen kann, wenn sich die nun drohenden Sturmwolken verflüchtigen;-- .  . . ").

und an Ignaz von Gleichenstein schrieb er am 18. März 1809:

"Du siehst, mein lieber Gleichenstein, aus dem Beigefuegten, wie ehrenvoll nun mein Hierbleiben für mich geworden-- der Titel als Kaiserl. Kapellmeister kömmt auch nach--etc.--Schreibe mir nun solbald als möglich, ob Du glaubst, daß ich bei den jetzigen kriegerischen Umständen reisen soll,-- . . . " (Schmidt, Beethoven=Briefe: 61-62),

aber auch seinen Streit mit Gräfin Erdödy in einer Dinestbotenangelegenheit, die aus seiner Nachricht an sie aus dem Frühjahr 1809 hervorgeht:

"Meine liebe Gräfin, ich habe gefehlt, das ist wahr, verzeihen Sie mir; es ist gewiß nicht vorsätzliche Bosheit von mir, wenn ich Ihnen weh getan habe -- erst seit gestern abend weiß ich recht, wie alles ist, und es tut mir sehr leid, daß ich so handelte. -- Lesen Sie Ihr Billett kaltblütig und urteilen Sie selbst, ob ich das verdient habe, und ob Sie damit nicht alles sechsfach mir wiedergegeben haben, indem ich Sie beleidigte, ohne es zu wollen. Schicken Sie noch heute mir mein Billett zurück, und schreiben mir nur mit einem Worte, daß Sie wieder gut sind, ich leide unendlich dadurch, wenn Sie dieses nicht tun; ich kann nichts tun, wenn das so fortdauern soll -- ich erwarte Ihre Vergebung" (Schmidt, Beethoven=Briefe: 62).

Während eine Versöhnung vielleicht stattgefunden hat, zog Beethoven nichtsdestotrotz aus seiner Wohnung in der Krügerstraße 1074in die Walfischgasse um, wo er die Stadtmauer und das Glacis überblicken konnte.

Die "Kriegstuztände", auf die Beethoven in seinem Brief an Gleichenstein hinweist, sollten bald sehr ernst werden, da die französische Invsaion Beethoven im besetzten Wien Anfang Mai einschloß, während die meisten seiner Gönner, wie Gräfin Erdödy und Erzherzog Rudolph, die Stadt verließen.

Beethoven soll Berichten zufolge im Hause seines Bruders Caspar Carl in der Rauhensteingasse Zuflucht genommen haben und sich im dortigen Keller seine empfindlichen Ohren während der Bombardierung Wiens mit Kissen zugedeckt haben.

Von der österreichischen Kapitulation bis zum Waffenstillstand vom 12. Juli 1809 erlebte Wien aufgrund der finanziellen Belastung in Form von inflationären Preiserhöhungen, Nahrungsmittelknappheit und der Zwangsdahrlehen, die Hausbesitzern aufoktroyiert wurden,  eine Verschlechterung seiner Wirtschaftslage.

Der 31. Mai 1809 sah den Tod Franz Joseph Haydns, und wir wissen nicht, ob Beethoven bei dessen Beerdigung zugegen war und wie dieser Tod auf ihn wirkte.

Vergnügungsstätten wie der Prater und der Augarten wurden dem Volk erst Ende Juli wieder zugänglich gemacht.

In seinem Brief vom 8. August an Breitkopf und Härtel,

"Vielleicht können Sie mir eine Ausgabe von Goethes und Schillers vollständigen Werken zukommen lassen,--von Ihrem literarischen Reichtum get so was so bei Ihnen ein, und ich schicke Ihnen demfür mancherlei, d.h. etwas, was ausgeht in alle Welt.--Die zwei Dichter sind meine Lieblingsdichter so wie Ossian, Homer, welchen letzteren ich leider nur in Übersetzungen lesen kann.--Da Sie dieselben so bloß mir aus Ihrer literarischen Schatzkammer ausschütten zu brauchen, so machen Sie mir die größte Freude damit, um so mehr, da ich hoffe, den Rest des Sommers noch in irgendeinem glücklichen Landwinkel zubringen zu können.-- . . . " (Schmidt, Beethoven= Briefe: 64),

hoffte Beethoven, wie wir sehen können, daß er wenigsten den Rest der warmen Jahreszeit außerhalb der Stadt verbringen konnte.

Da alle diese Ereignisse in die Zeit fallen, die auch als die Zeit der Erstellung des Meinert-Skizzenbuchs angesehen wird, können wir nicht mit Sicherheit feststellen, welchen Fortschritt die Arbeit daran zu welchem Zeitpunkt machte.

Jedoch können wir einen erstaunlichen Unterschied zwischen dem "Geist" dieses Klavierkonzerts und den äußeren Umständen, in denen es geschrieben wurde, feststellen, was uns wiederum bestätigen mag, daß äußere Geschehnisse nicht unbedingt einen direkten Widerhall im "musikalischen Geist" einer Komposition finden müssen.

Zwischen Beethovens sehr wahrscheinlicher Vollendung des Werks im Oktober 1809 und seiner deutschen Veröffentlichung (es wurde zuerst in London 1810 veröffentlicht; Cooper weist darauf hin, dass Clementi die Rechte dazu erhielt (Cooper: 189) und dass die Werke op. 73 - op. 82 ab August 1810 in London zu erscheinen begannen [Cooper: 197]) und seiner wahrscheinlichen ersten Aufführung im Jahr 1811 würde das Jahr 1810 in bezug auf dieses Werk ohne Ereignisse vorügergehen, und nur in bezug auf das Frühjahr 1811 finden wir einen Hinweis auf das Manuskript dieses Werks, das zu diesem Zeitpunkt bei Breitkopf und Härtel zur Veröffentlichung vorgelegen haben soll (Thayer: 507). In bezug auf Beethovens Meinung zur "menschlichen Perfektion" können wir diesen leicht erheiternden Brief vom 6. Mai 1811 an Breitkopf und Härtel zitieren:

"P.P. Fehler--Fehler--Sie sind selbst ein einziger Fehler--da muß ich meinen Kopisten hinschicken, dort muß ich selbst hin, wenn ich will, daß meine Werke--nicht als bloße Fehler erscheinen.-- . . . --Hier das Verzeichnis der Fehler.-- . . . Leben Sie wohl, ich hoffe Besserung,--Fehlen Sie soviel Sie wollen, lassen Sie so viel fehlen, wie Sie wollen--Sie sind bei mir doch hochgeschätzt; dies ist ja der Gebrauch bei den Menschen, daß man sie, weil sie nicht noch größere Fehler gemacht haben, schätzt. Ihr ergebenster Diener Beethoven" (Schmidt, Beethoven= Briefe: 70).

In bezug auf die wahrscheinliche erste Aufführung dieses Konzerts können wir hier ein Bild von Friedrich Schneider einfügen, der dieses Werk am 28. November 1811 in Berlin gespielt haben soll.

 



Friedrich Schneider


Bezüglich der ersten Wiener Aufführung berichtet Thayer:

"Beethoven had surely earned the right to retire and leave the virtuoso field to his pupils, of whom Baroness Ertmann and Carl Czerny were preeminent as performers of his music. In the more private concerts he had already long given place to the Baroness; and now Czerny began to take it before the public, even to the extent of introducing his last new composition for pianoforte and orchestra, Op. 73. Theodor Körner, lately arrived in Vienna, writes home under date February 15, 1812: 'On Wednesday the 12th, for the benefit of the Society of Noble Ladies for Charity, a concert and tableaux, representing three pictures by Raphael, Poussin and Troyes as described by Goethe in his 'Elective Affinities' were given. The pictures offered a glorious treat; a new pianoforte concerto by Beethoven failed.

Castelli's Thalia gives the reason why this noble work on this, its first public performance in Vienna, was so coldly received: 'If this composition...failed to receive the applause which it deserved, the reason is to be sought partly in the subjective character of the work, partly in the objective nature of the listeners. Beethoven, full of proud confidence in himself, never writes for the multitude; he demands understanding and feeling, and because of the intentional difficulties, he can receive these only at the hands of the knowing, a majority of whom is not to be found on such occasions. That was precisely the truth. The work was out of place. . . ." (Thayer: 526;  Thayer ist hier der Meinung, daß Beethoven sich sicherlich das Recht erworben hatte als Pianist in den Ruhestand zu treten und dieses Feld seinen Schülern, von denen Baronin Ertmann und Carl Czerny die hervorragendsten Inrepreten seiner Musik waren, zu überlassen. In den Privatkonzerten, so Thayer, habe er bereits Baronin Ertmann das Feld geräumt; und nun begann Czerny  sein Werk dem Publikum vorzuführen, sogar einschließlich seiner neuesten Kompozition für Klavier und Orchester, Op. 73.  Theodor Körner, der zu dieser Zeit gerade in Wien eingetroffen war, schrieb am 15. Februar 1812 den folgenden Brief nachhause: 'Am Mittwoch, den 12. wurden zugunsten der Wohltätigkeitsgesellschaft der Adeligen Damen ein Konzert und Tableaux, die drei Bilder von Raphael, Possin und Toryes, wie sie von Goethe in seinen "Wahlverwandtschaften" beschreiben wurden, vorgestellt.  Die Bilder waren eine Augenweise. Ein neues Klavierkonzert von Beethoven gefiel nicht.  Castellis Thalia gibt als Grund, warum dieses noble Werk bei seiner ersten Aufführung in Wien solch eine schlechte Aufnahme fand, die folgende Erklärung: 'Wenn diese Komposition...nicht den verdienten Applaus fand, ist der Grund dafür teilweise im subjektiven Charakter des Werks zu suchen, teilweise in der objektiven Natur der Zuhörer.  Beethoven, voll stolzen Vertrauens in seine Fähigkeiten, schreibt nie für die Masse; er verlangt Verständnis und Gefühl, und aufgrund der beabsichtigten Schwierigkeiten kann er dies nur vonseiten der Kenner erfahren, die sich zu solchen Veranstaltungen nicht allzu zahlreich einfinden.   Dies war der wahre Grund.  Das Werk war fehl am Platze'").

 



Carl Czerny


So blieb das fünfte Klavierkonzert das einzige Klavierkonzert, das Beethoven nicht selbst öffentlich spielte, und dies aufgrund seiner fortschreitenden Taubheit.

Ohne der existierenden Dokumentation zu einem unvollendet gebliebenen sechsten Klavierkonzert Beethovens würde diese Entstehungsgeschichte hier enden.  Daher sollten wir hier jetzt auch einen Blick darauf werfen.

"The composition under discussion here (1) would have been the Sixth Piano Concerto if it had been brought to completion, and although it is one of the longest and most developed of Beethoven's unfinished works, it has had surprisingly little notice in the vast Beethoven literature" (Lockwood in "The Creative World of Beethoven": 122; Lockwood schreibt hier, daß die von ihm diskutierte Komposition Beethovens sechstes Klavierkonzert geworden wäre, hätte er sie vollendet und daß, obwohl sie eine der längsten und ausgearbeitetsten von Beethovens unveollendeten Arbeiten darstellt, sie in der Beethovenliteratur erstaunlich wenig Beachtung fand).

Lewis Lockwoods Artikel  Beethoven's Unfinished Piano Concerto of 1815: Sources and Problems  erschien zunächst im "Musical Quarterly, 56" im Jahr 1970 auf den Seiten 24-26 und wurde dann im Band  The Creative World of Beethoven in Buchform voergestellt (editiert  Paul Henry Lang,   (New York, 1971),  Seiten 122-44).

Der Titel dieses Artikels weist bereits darauf hin, daß Beethoven dieses unvollendete Werk im Jahr 1815 zu schreiben versuchte. Damit wir uns mit dieser Zeit in Beethovens Leben und dessen Ereignissen wieder etwas vertraut machen, können wir iher ja kurz die Seite

BEETHOVENS MITTLERE SCHAFFENSPERIODE

unserer Biographiscen Seiten besuchen.  Daraus wird ersichtlich, daß Beethoven von 1814 - 1815 auf der Höhe seines Ruhms angelangt war und im öffentlichen Rampenlich stand.

 



Beethoven im Jahr 1814
Skizze von  Letronne


Jedoch können wir auch erkennen, daß dies die Übergangszeit war zwischen seinen Stilperioden, nämlich der heroischen Stilperiod und seiner letzten Schaffensphase.

Genau zu diesem Zeitpunkt seiner Entwicklung werden wir hier unser Augenmerk auf die Expertenmeinungen in bezug auf dieses unvollendete Werk richten.

Um uns auch einen praktischen Überblick als Laien über dieses Material zu verschaffen, sollten wir hier auch verfolgen, was die Beethovenforschung dazu zu berichten weiß, da ja auch sie ihre Experetenargumente- und Meinungen darauf aufbauen muß.

Lewis unterstützt sein Argument, daß dieses Werk in der Beethovenliteratur wenig diskutiert wird damit, daß er auf die wenigen Quellen hinweist, die sich damit in irgendeiner Hinsicht befassten, wie z.B. Nottebohm, oder die es kurz erwähnten, wie Thayer/Forbes, und den Bibliographen, der das Werk in sein Verzeichnis aufnahm, naämlich Willi Hess, und zwar wie folgt:

Gustav Nottebohm

Zweite Beethoveniana (Leipzig, 1887), Kapitel XXXIII und XXXIV, besonders Seite 312 ff. (Anfangi); Seite 314-15 ("kleine abgebrochene Entwürfe"; Seite 321 ff: Von Miller=Scheide-Sketchbook, mit kurzer Erwähnung darin;

ein Essay mit dem Titele "Ein unvollendetes Clavierkonzert" mit einer kurzen Diskussion des Originalmanuskripts, das die Komposition hauptsächlich im Gesamtkonzept überlieferte (siehe oben, Seite 223-24);

Nottebohm soll nach Lockwoods Aussage auch eine Zusammenfassung der ersten zwanzig Takte veröffentlicht haben;

Thayer/Forbes, II, Seite 613:

"There is a sketchbook in the Berlin Library, described by Nottebohm, which shows in part what compositions employed Beethoven's thoughts about this time.(5)  It contains sketches for marches; an unfinished piano concerto in D;(6) . . . " (Thayer/Forbes berichtet hier, daß es in Berlin ein Skizzenbuch, das von Nottebohm beschrieben sei, gebe, das teilweise auch darauf hinweist, welche Kompositionen Beethoven zu dieser Zeit beschäftigten);

Willy Hess

soll Lockwood gemäß dieses Werk als Nr. 15 in seinem  Catalogue of Works by Beethoven Not Published in the Collected Edition (Wiesbaden, 1957) anführen, den Lockwood als eine Liste vollendeter Werke beschreibt und weniger als eine für Skizzen.

Als direkte Quellen gibt Lockwood an:

I. Das handgeschriebene Manuskript (Berlin, Deutsche Staatsbibliothek, Artaria MS 184), "sixty pages containing the greater portion of the first movement of the concerto" (laut Lockwood also sechzig Seiten, die den Hauptteil des ersten Satzes dieses Konzerts enthalten--Lockwood: 127);

II. Die Skizzen:

(a) Das Scheide-Skizzenbuch, Seite 4-32, früher als das Von Miller, Koch, and Flörsheim-Skizzenbuch bekannt, jetzt im Besitz von William Scheide, in der Scheide-Bibliothek der Princeton University;

(b) Das "Mendelssohn"-Skizzenbuch  (Berlin, Deutsche Staatsbibliothek) von 1814, das vielleicht auch bis 1815 reichte;

(c) Das "Mendelssohn"-Taschenskizzenbuch  (Berlin, Deutsche Staatsbilbiothek), von Nottebohm im Jahr 1815 angesetzt;

(d) MS Landsberg (Berlin, Staatsbibliothek der Stiftung Preussischer Kulturbesitz, Musikabteilung), Seite 79-82.

(e) London, Britisches Museum Add. 29997, Folien 41'-41'-42'.

(f) MS Grasnick 20b, Folien 21-23 (Berlin, Staatsbibliothek der Stiftung Preussischer Kulturbesitz, Musikabteilung).

Während  Lockwood hauptsächlich die organische Entwicklung dieser Quellen verfolgt anstatt zu beabsichtigen, 

" . . . resort to assertions about the work and its sources that cannot be readily checked, . . . not the analysis and evaluation of the work as a whole, but rather an interpretation of the network of problems raised by the autograph and sketches in their manifold interrelations" (Lockwood drückt hier aus, daß er weniger auf Annahmen zu diesem Werk hinstrebt, die nicht leicht nachzuprüfen seien, sondern eher nach einer Interpretation der Problemkreise, die das handschriftliche Manuskript und die Skizzen in ihren vielfältigen wechselseitigen Beziehungen aufwerfen),

discutiert er in seinem Artikel auch, daß:

1. Beethoven daran im Herbst 1814 und im Winter 1815 arbeitete;

2. er es in verschiedenen Quellen auszuarbeiten versuchte und dann seine Arbeit daran abbrach;

3. es nicht bekannt ist, für wen das Werk geschrieben werden sollte und wann es begonnen und abgebrochen wurde.

Während die eigentliche Diskussion der organischen Entwicklung dieser Quellen eine Angelegenehit ist, die wir den Lesern emfpehlen, in Lockwoods ausgezeichnetem Artikel selbst zu verfolgen, freuen wir uns auch berichten zu können, daß die Unheard Beethoven Collection eine Midi-File dieses unvollendeten ersten Satzes von Beethovens sechstem Klavierkonzert entwickelt hat. Die einleitende Information zu dieser Midi-File berichtet, daß sie auf der  "performing edition prepared by Prof. Nicholas Cook and Kelina Kwan", beruht, und Prof. Cooks darin wiedergegebene Anmerkungen weisen darauf hin, daß der Stil des Werks "is at several points distinctly retrospective, and the materials are curiously symphonic for a piano concerto", und in seinem Essay weist Lockwood auch darauf hin, daß, "As a composition attempt it belongs to that twilight stage of his career that divides the 'second' period from the 'third'" (Lockwood: 124), was beides wohl darauf hinweist, daß Beethoven während dieser stilistischen Übergangszeit  vielleicht selbst werkte, daß dieses Werk für ihn keinen Schritt nach vorne darstellte. Wir können daher unsere Überlegungen in die Richtung lenken, daß neben äußeren Gründen für den Abbruch des Werks (wie etwa der, den Cook anführt in bezug auf das nicht zustandegekommene Benefizkonzert von 1815), Beethovens Einsicht in diese Tatsache wohl auch zum Abbbuch des Werks führte. Mehr als das können wir als Laien wohl nicht selbst feststellen.  Jedoch können wir alle die Midi-File der 

UNHEARD BEETHOVEN COLLECTION 

genießen und dadurch einen Eindruck von diesem unvollendeten Werk gewinnen.

Sollten wir jedoch diese künstlerisch "zwingende" Entwicklung als unser Ende der Beschäftigung mit dieser Gattung von Beethovens Werken betrachten?  Vielleicht sollten wir lieber noch einmal einien Ausschnitt aus dem so erfrischenden dritten Satz des 5. Klavierkonzerts anhören und daraus unsere Inspiration für weitere Hörerlebnisse gewinnen?  Vielleicht können wir uns hier auch zu gegebener Zeit wieder zu einer weiteren "inhaltlichen" Diskussion dieser Werke, die auf die Meinung von Musikexperten zurückgreifen wird, einfinden?  Ich freue mich schon darauf!