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BEETHOVENS
KLAVIERSONATEN |
![]() Blick auf den Wiener Stephansdom |
Hier begegnen wir zwei Klaviersonaten, von denen zumindest die zweite durch ihre Romantisierung im 19. Jahrhundert mehr Schaden als Nutzen erlitten haben mag. Halten wir uns daher hier in unserer Übersicht so gut wir es vermögen an Tatsachen anstatt in der Romantisierung mitzuschwelgen.
Leider sind uns nicht allzuviele Daten überliefert sind, die uns eine zeitliche Fixierung der Entstehung dieser beiden Sonaten erlauben.
Einerseits erwähnt Thayer (S. 267), dass Beethoven sicher im Jahr 1800 mit seiner Arbeit an der 13. Klaviersonate, op. 27/1, begann.
Andererseits verweist er danach darauf, dass "sketches of the first show that they originated in 1801" (S. 296; Thayer berichtet hier, dass Entwürfe zur ersten dieser beiden Sonaten zeigen, dass sie aus dem Jahr 1801 stammen).
Beide wurden laut Thayer von Beethoven mit "quasi fantasia" bezeichnet und boten somit einen eindeutigen Kontrast zur klassischen Sonatenstruktur.
Letzendlich reiht Thayer (S. 298) beide Werke unter die Kompositionen der Jahre 1800 - 1801 (op. 27/1) und 1801 (op. 27/2).
Um uns in bezug auf Beethovens Widmung der Werke von jeglicher hier nicht angebrachter Verstrickung von Werk und Widmungsempfänger(Innen) fern zu halten, zitieren wir hierzu zunächst am besten Thayer:
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"Of the two Pianoforte Sonatas, Op. 27, the first (in E-flat) was dedicated to the Princess Johanna von Liechtenstein, nee the Landgravine Fürstenberg, the second (in C-sharp minor), to Countess Guilietta Guicciardi" (Thayer: 296; --
-- Thayer schreibt hier, dass von diesen beiden Sonaten die erste Fürstin Johanna von Liechtenstein, geb. Landgräfin Fürstenberg, gewidmet war, und die zweite Giulietta Guicciardi).
"Beethoven had given the Countess [Guicciardi] the Rondo in G [Op. 51, N. 2] but begged its return when he had to dedicate something to the Countess Lichnowsky, and then dedicated the Sonata [Op. 27, No. 2] to her" (Thayer: 291; --
Zur Widmung an Guilietta Guicciardi erwähnt Thayer außerdem, dass er diese Sonate ihr quasi als "Ersatz" für das G-Dur-Rondo, op. 51 Nr. 2 widmete, nachdem er ihr das Rondo zuerst überlassen hatte und es dann wieder zurückverlangte).
Aus dem Vorangehenden können wir bereits selbst schließen, dass Beethoven bei der Komposition von op. 27/2 nicht an Giulietta Guicciardi dachte, aber wir können uns diesbezüglich auch an Thayer wenden:
"The notes of Jahn's conversations with the Countess in 1852 make it clear that Beethoven did not have her in mind at the time of composition." (S. 297; --
-- Thayer verweist hier auf Otto Jahns Gesprächsnotizen seiner Unterhaltung mit Giulietta Guicciardi im Jahr 1852, aus denen eindeutig hervorgehe, dass Beethoven nicht an sie dachte, als er diese Sonate komponierte).
Wenn wir die hier ausnahmsweise einmal nicht eingerahmten Abbildungen der gedruckten Widmungen beider Werke betrachten, wird uns klar, dass, wie Thayer (S. 291) berichtet, "they appeared separately at first" (dass sie also zunächst getrennt erschienen). Thayer führt jedoch beide Werke als im Jahr 1802 bei Cappi in Wien erschienen auf (S. 323).
Wie aus der Geschichte der Beethoven-Biographie des 19. Jahrhunderts bekannt ist, nahm Anton Schindler an, dass es sich bei Beethovens Unsterblicher Geliebter um Giulietta Guicciardi handelte, und seiner Überbetonung der Beziehung zwischen Komponist und Klavierschülerin mag es auch zu verdanken sein, dass die Bedeutung der 14. Klaviersonate, op. 27/2 etwas über Gebühr herausgestrichen wurde. Carl Czerny soll laut Thayer in seinem Gespräch mit Otto Jahn auf Beethovens eigene Meinung zu dieser Sonate zu sprechen bekommen sein, die er wie folg wiedergab:
"Everybody is always talking about the C-sharp minor Sonata! Surely I have written better things. There is the Sonata in F-sharp minor--that is something very different" (Thayer: 297; --
-- "Alle sprechen immer von der Cis-Moll-Sonate! Gewiss habe ich bessere Sachen geschrieben, wie die Fis-Moll-Sonate--das ist etwas ganz anderes").
Einige Jahre nach dem Entstehen von op. 27/2 versuchte laut Thayer Beethovens Freund, Dr. G.C. Grosheim aus Kassel, den Komponisten dazu zu bewegen, den ersten, langsamen, Satz von op. 27/2 für Klavier und Gesang zu J.G. Seumes Gedicht "Die Beterin" zu bearbeiten, nachdem er vergeblich für geeignetes Material bei Haydn und Mozart gesucht hatte.
Johann Gottfried Seume
Beethoven soll, wohl aus Respekt für Seumes Werk, sich damit einverstanden erklärt haben und laut Georg Heinrichs, auf den sich Thayer bezieht, Ende 1816 oder Anfang 1817 dementsprechend geantwortet haben. Jedoch wurde trotz Grosheims nochmalige Anfrage nicht aus diesem Projekt (Thayer, S. 297).
Hier können wir Ihnen nun Grosheims Brief an Beethoven aus dem Jahr 1819 zitieren:
"[Kassel, 10. November 1819]
Herr Kapelmeister!
Eine Zueignung ist das Ernenntniß eines schuldigen Dankes. Indem ich Ihnen also ein Werk meiner Muse zueigne, [2] will ich damit, vor dem Publiko, meine Achtung und dan damit verknüpften Dank für die mannigfache Wonne aussprechen, welche mir Ihre Arbeiten zubereitet haben.
Ueber alles lob erhaben, wie Sie Herr Kapellm[ei]st[e]r würde es sich nicht entschuldigen laßen wollt' ich ins Detail gehen, und sie aufzählen die frohen Lebensstunden welche Ihre Muse mir bereitete -- Nehmen Sie indeßen meinen schwachen Dank mit Nachsicht auf: dringend bitt' ich darum. --
Ihr Brief, welchen ich zu seiner Zeit erhielt, sagte mir, nebst vielem Guten, auch leider! das Traurige, daß Sie nicht so wohl auf wären wie es die Freunde der Tonkunst wünschen. (3) Ich hoffe daß die Uebel, über welche Sie damals klagten, gehoben sind.
Sie schreiben mir daß Sie an Seumes Grabe sich unter die Zahl seiner Verehrer gestellt haben. (4) Er verdiente Ihre Achtung. Es war ein großer Mensch. Es war ein glücklicher Mensch. Er durfte sein vitam impendere vero (5) laut aussprechen und -- ward geliebt: Rousseau wurde über sein Motto - gesteinigt.
Es ist mir immer noch ein nicht zu unterdrückender Wunsch, es möge Ihnen, Herr Kapellmeister! gefallen Ihre Vermählung mit Seume (ich mein die fantasie in Cis moll und die Beterinn) der Welt mitzutheilen. (6)
Unsere beiden Brüder (7) rufen den Toten oft zurück: -- wie würde es uns insgesamt freuen, die Beterinn mit Ihre[r] Musik, und den unvergeßlichen Handschlag den sich Beethoven u Seume, im Geiste gaben -- zu erhalten!
Ich empfehle mich Ihrer Freundschaft und Liebe --, und bitte Sie die Versicherung meiner tiefen Hochachtung anzunehmen.
G.C. Grosheim
Doctor der Philosophie
Cassel den 10/11 19
ps
Der Kurheßische Gesandtschafts Secretair Weissenborn welcher dies überbringt, würde im Falle ich mich einer Antwort von Ihnen erfreuen sollte dieselbe gern besorgen, und Sie dürften selbige nur an ihn schicken der sich beym Kurheßischen Gesandten Baron von Münchhausen (8) aufhält"
(Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 1, Brief Nr. 1352, S. 338 - 339; zu (2): verweist auf 10 Lieder mit Texten von Ernst Friederich von der Malsburg; zu [3]: verweist auf Beethovens möglichen, früheren Brief, der verlorgen gegangen ist; zu [4]: verweist auf den Dichter Johann Gottfried Seume, 1763 geboren, der am 13. Juni 1810 in Teplitz starb; möglicherweise luden seine Freunde, Elisa von der Recke und Christoph August Tiedge Beethoven ein, sein Grab zu besuchen, als er sich im Sommer 1811 in Teplitz aufhielt; zu [5]: verweist auf : 'Juvenal, Satire 4, 91, Rosseaus Motto; zu [6]: verweist auf Beethovens offensichtliche Verzögerung seiner Antwort bis 1823, als er in seinem Brief vom 27. Juli 1823 an Spohr (Brief Nr. 1716) ankündigte, dass er Grosheim nun endlich antworten werde; die Bearbeitung des ersten Sates von op. 27/2 konnte aber nicht mehr durchgeführt werden; zu [7]: verweist auf Heinrichs Meinung zu Grosheims "Brüder"-Hinweis, dass es sich um einen versteckten Hinweis darauf handeln könne, dass Grosheim und Beethoven Logenbrüder waren, wofür sich jedoch keine Beweise finden lassen; zu [8]: verweist auf Carl Edmund Friedrich Freiherr von Münchhausen, den außerordentlichen Kurhessischen Gesandten und Minister am Wiener Hof; Einzelheiten S. 339 entnommen).
Zum hier diskutierten Gedicht berichtet Joachim Kaiser:
"In dem Gedicht des (übrigens originell kritisch-aufklärerischen, antifeudalen, seinerzeit berühmten, heute leider schmählich vergessenen) Autors J.G. Seume bittet eine Betende um Gnade für ihren todkranken Vater" (Kaiser: 257).
Den Ursprung des Beinamens von op. 27/2, "Mondscheinsonate", führt die Beethovenliteratur auf den Berliner Schriftsteller und Journalisten Heinrich Friedrich Rellstab (1799 - 1860) zurück. Dazu zwei Kommentare: zum Einen ein Zitat aus der ausgezeichneten holländischen Onlin-Beethoven-Biographie von Joyce Maier:
"Rellstab, Heinrich Friedrich, 1799- 1860. Dichter, schrijver, journalist, muziekcriticus, ontmoette Beethoven in 1825 en heeft menig woord over hem geschreven. Hij verzon de bijnaam voor de sonate opus 27 #2: Mondscheinsonate" (Zitiert aus: Joyce Maier's Beethoven Biography, eingesehen am: 11. August 2002).
Um das holländische Zitat nicht falsch wiederzugeben, kann diese ursprünglich deutschsprachige Websiteautorin nur ihren Eindruck wiedergeben, dass hier auf Rellstab als "Erfinder" dieses Beinamens verwiesen wird.
Zum anderen William Kindermans Kommentar:
" . . . the title 'Moonlight', invented by the poet and critic Ludwig Rellstab, is quite inappropriate . . . " (Kinderman: 73; --
-- Kinderman bezeichnet den Namen "Mondschein"-Sonate, der von Rellstab in die Welt gesetzt wurde, als ganz unangebracht).
Mit diesen Anmerkungen schließt unsere Entstehungsgeschichte dieser beiden Klaviersonaten, in der op. 27/1 ein Schattendasein zu führen scheint. Sie erhält aber in der unmittelbar folgenden Seite zu ihrer Musikkritik unsere ungeteilte Aufmerksamkeit.