NEUES AUS DER BEETHOVENFORSCHUNG:
ZU BEETHOVENS BLEIVERGIFTUNG


 



Beethovens Arbeitszimmer in seiner Wohnung
 im Schwarzspanierhaus
 

 

Zu den “zwei Metern” von Büchern, die es laut Aussage des Beethovenhauses in Bonn [Quelle:  http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/nano/news/11258/ eingesehen am 20. Januar 2005] zum Thema von Beethovens Krankheiten gibt, gesellen sich aufgrund der Initiativen der Gründer und Betreiber des Ira F. Brilliant Center for Beethoven Studies in San Jose, Kalifornien, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen des Haars und der Schädelreste des Komponisten durch das wissenschaftliche Team von Dr.  William Walsh. 

Den Ergebnissen der Untersuchung von Beethovens Haar folgte das Buch Beethoven’s Hair von Russell Martin, das die Geschichte der von Ira F. Brilliant und  Dr. Alfredo “Che” Guevara ersteigerten Haarlocke Beethovens und die wissenschaftliche Untersuchung einiger von Dr. Guevara zur Verfgung gestellten Haare Beethovens aus dieser Locke auf sehr allgemein verständliche Art schildert.  

Laut der Ausgabe des Jahres 2005 des Beethoven Journal [herausgegeben vom Ira F. Brilliant Center for Beethoven Studies] war es auch Russell Martin, der den Verbleib der Schädelreste Beethovens in den Vereinigten Staaten ausfindig machte, die in den 80er Jahren von Hans Bankl und Hans Jesserer in Österreich untersucht worden waren.  (Das Ergebnis ihrer Untersuchungen fand Eingang in ihr 1987 erschienenes Buch Die Krankheiten Ludwig van Beethovens). 

Wie inzwischen bekannt wurde, stellten die kalifornischen Besitzer der Schädelreste  diese auch zur wissenschaftlichen Untersuchung zur Verfügung.  Die Öffentlichkeit wurde mit den Ergebnissen dieser Untersuchung durch Dr. Walsh in einem kurzen, Anfang Dezember 2005 erschienenen Zeitungsartikel bekannt gemacht.  Demnach soll Beethoven an chronischer Bleivergiftung gelitten haben, die vielleicht auch zu seinem Tod beitrug. 

Mittlerweile konnten deutsche Fernsehfreunde auch die TV-Kurzfassung von Beethoven’s Hair in einer einstündigen Präsentation kennen lernen.  Darin vertritt Dr. Walsh unter anderem die Meinung, dass sich Beethoven seine chronische Bleivergiftung bereits in seinen späten Bonner Jahren, also etwa um 1790, durch das Trinken von Thermalwasser zugezogen haben könnte. 

Diese Äußerung ist der Ansatz unseres nachfolgenden Überblicks zu diesem Thema.  Um Ihnen jedoch einen allgemeinen Überblick dazu zu ermöglichen, bieten wir Ihnen hier zunächst Hinweise auf verschiedene Informationsquellen:

 

Zugang zu offizieller Information

Das Sommer-und Winterheft 2005 des Beethoven Journal  des Ira F. Brilliant Center for Beethoven Studies widmet sich fast ausschließlich und sehr ausführlich diesem Thema.  Auf der Website des Ira Brilliant Center for Beethoven Studies in San Jose, Kalifornien, können diejenigen, die keinen Zugang zu dieser Beethovenfachzeitschrift haben und die der englischen Sprache mächtig sind, den Artikel von William Meredith aus dem Beethoven Journal, “The History of Beethoven’s Skull Fragments” lesen und dazu eine Auswahl von Fotografien betrachten.  Diese Seite bietet auch noch eine kurze Zusammenfassung der Fakten zu diesem Thema (im Englischen ein sogenanntes “fact sheet”), Fotografien der Fragmente, sowie “Mitochondrial DNA results from the testing of the hair und preliminary results from the testing of the bone.”  Der Zugangslink zu dieser Information ist:  http://www2.sjsu.edu/depts/beethoven/skull/skullintro.html. 

Wer sich noch eingehender mit den schon seit einiger Zeit vorliegenden Ergebnissen der Forschungsarbeit an Beethovens Haar befassen will, kann dies auf der Website des Ira F. Brilliant Center for Beethoven Studies durch Anklicken des folgenden Zugangslinks tun:  http://www2.sjsu.edu/depts/beethoven/hair/hair.html. 

Eine Stellungnahme von Dr. William Walsh, Ph.D., dem Leiter des Forschungsprojekts, ist auf dieser Website unter folgendem Link zu erreichen:  http://www2.sjsu.edu/depts/beethoven/hair/hairtestpc.html.  [Diese Internetquellen wurden von uns zuletzt am 20. Januar 2006 eingesehen]. 

 

Deutschsprachige Internetberichte zum Thema 

Selbstverständlich bieten wir Ihnen auch sehr gerne deutschsprachige Internetberichte zum Thema. 

3sat.online berichtet dazu unter:  http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/nano/news/11258/. 

Darin wird darauf hingewiesen, dass Beethoven seit Beginn seiner 20er Jahre an schweren Leibschmerzen gelitten habe und für seine extremen Stimmungsschwankungen bekannt gewesen sei.  Es wird auch noch darauf hingewiesen, dass die Wissenschaftler eine Möglichkeit für das Eintreten von Beethovens Bleivergiftung darin sehen, “dass der Komponist von jungen Jahren an in Kurorten das Wasser heißer Quellen getrunken hatte.” [Quelle: o.g. Link, eingesehen am 17. Januar 2006]. 

Online Focus bietet unter dem folgenden Link:

http://bildung.focus.msn.de/hps/fol/newsausgabe/newsausgabe.htm?id=22315 

Information zur Knochenanalyse. 

Scienceticker.info wissenschafts-nachtrichten bietet unter dem folgenden Link: 

http://www.scienceticker.info/news/EEFFAullyyKrQkEoNo.shtml 

den Beitrag “Bleivergiftung van Beethovens bestätigt.” 

“Die Resultate ständen im Einklang mit früheren Messungen an Haarproben des Komponisten, erläutert Bill Walsh vom Pfeiffer Treatment Center in Warrenville, Illinois. "Das Vorhandensein von Blei im Schädelknochen deutet jedoch zusätzlich darauf hin, dass die Exposition nicht vorübergehender Natur war, sondern sich über viele Jahre erstreckt haben könnte", heißt es darin unter Anderem darin. [Quelle: o.g. Link, eingesehen am 17. Januar 2006). 

Einen nicht allzu genauen und eingehenden Kommentar bietet “Die Welt” unter dem folgenden Link:  http://www.welt.de/data/2005/12/08/814383.html. 

Darin heißt es unter Anderem:  Schon vor seinem 20. Lebensjahr habe er unter giftigem Einfluß von Blei gestanden, sagt der Toxikologe Bill Walsh vom Pfeiffer-Zentrum in Warrenville (Illinois).” [Quelle: o.g. Link, eingesehen am 17. Januar 2006]. 

Auch N24 bietet unter dem folgenden Link:

http://www.n24.de/boulevard/nus/index.php/n2005120618462900002

Information zum Thema an und schreibt unter Anderem:  Der Komponist Ludwig van Beethoven (1770-1827) litt, wie vermutet, von Jugend an unter einer schweren Bleivergiftung. . . . Anschließend verglich es die Werte mit einem fremden Schädelfragment aus der damaligen Zeit. Demnach litt der große deutsche Komponist wahrscheinlich schon vor seinem 20. Lebensjahr unter dem giftigen Einfluss von Blei.” [Quelle: o.g. Link, eingesehen am 17. Januar 2006].

[Wer sich über Blei im Allgemeinen informieren will, kann dies durch Anklicken des folgenden Links tun:  http://www.seilnacht.com/Lexikon/82Blei.htm.]

Information zur chronischen Bleivergiftung

Um uns einen Grundbegriff über die chronische Bleivergiftung zu machen, können wir auf verschiedene Internetlinks züruckgreifen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Bleivergiftung

http://flexicon.doccheck.com/Bleivergiftung

http://www.kliniken.de/lexikon/Medizin/Innere_Medizin/Klinische_Toxikologie/Bleivergiftung.html. 

[Diese Internetquellen wurden von uns zuletzt am 20. Januar 2006 eingesehen].

Zurück zum Ausgangspunkt dieser Zusammenstellung

Wer sich an die Fernsehsendung “Beethovens Haar” erinnert, wird auch den Kommentar des Leiters des Forschungsprojekts, Dr. Walsh, nicht vergessen haben, der die Meinung vertrat, dass sich Beethoven bereits im Alter von 19 oder 20 Jahren einem Kuraufenthalt unterzog und dort bleihaltiges Wasser getrunken habe.  Dieser Kommentar führte vielleicht auch zu den oben zitierten Internetkommentaren zur Möglichkeit, dass Beethoven bereits in jungen Jahren an chronischer Bleivergiftung zu leiden begann.

Wenn Dr. Walsh einen Kommentar dieser Art abgab oder abgibt, spricht er in Bezug auf biographische Beethoven-Information ebenso als Laie wie wir selbst.  Deshalb ist es nicht abwegig, wenn wir als Laien hier versuchen wollen, Information zu dieser Möglichkeit zusammenzutragen, um uns auf unsere eigene Weise ein Bild dieses Themenkreises zu machen.

Unsere Aufgabe kann es selbstverständlich nicht sein, dieses Thema wissenschaftlich erforschen und darstellen zu wollen.  Als Laien mit Berufs- und Lebenserfahrung auf dem Gebiet der deutschsprachigen Kultur und  der biographischen Beethoven-Information, wie sie sich uns zur Lektüre in allgemein verständlichen  Werken der wichtigsten Beethoven-Biographen anbietet, können wir vielmehr versuchen, einerseits diese Quellen nach Information zu diesem Thema  zu durchsuchen, aber auch andererseits im Internet zugängliche allgemeine Information zusammenzutragen.

Wenn wir versuchen wollen, diese Information in chronologischer Reihenfolge darzustellen, wird es nicht zu umgehen sein, biographische Information und Internetinformation in gemischter Folge zu präsentieren.

Die wichtigsten Charakterzüge Beethovens als Heranwachsender und junger Erwachsener in Bonn vor seiner Übersiedlung in Wien im November 1792

Vielleicht sollten wir zunächst festzustellen versuchen, welche Wesensmerkmale des jungen Beethoven wir aus der biographischen Literatur erkennen können.  Dabei ist es nicht ratsam, bis auf Beethovens Kindheit zurückzugreifen, sondern erst auf seine Jugend in den Jahren von etwa 1784 – 1792. 

Wer eine Ausgabe von Thayer gelesen hat, wird sich vielleicht an Beethovens Verhalten in der von Breuning-Familie erinnern.  Thayer-Forbes berichtet dazu:

“ . . . to which, as upon other occasions when reasoning with him was of no avail, the good lady would shrug her shoulders with the remark: “He has his raptus again,” an expression which the rapt Beethoven never forgot.  Most happy was it for him that in Madame von Breuning he had a friend who understood his character thoroughly, who cherished affection for him, who could and did so effectually act as peace-maker when the harmony between him and her children was disturbed. . . . “ [Thayer-Forbes: 108 – 109; Thayer schreibt hier, dass Frau von Breuning über den oft widerspenstigen jungen Beethoven nur bemerkte, dass er wieder seinen “Raptus” habe, einen Ausdruck, den Beethoven nie vergessen würde.  Helene von Breuning sei ihm eine mütterliche Freundin gewesen, die sein Wesen gut verstanden habe, ihn ins Herz geschlossen habe und auf diese Weise zwischen ihm und ihren Kindern, falls die Harmonie gestört war, als Friedensvermittlerin auftreten konnte].

Helene von Breunings Enkel Gerhard von Breuning, Sohn von Stephan von Breuning, berichtet in seinen “Erinnerungen aus dem Schwarzspanierhause”:

“However, the dark thread that the Fates had woven into Beethoven’s life had already begun to appear intermittently.  His young friends, so sensitive and so sympathetic, were deeply moved, my father told me, by young Ludwig’s sorrows and actions when his father, all too fond of wine, was disorderly on the street at night and got into trouble with the police.  With a child’s love and devotion (dedicated mainly to his long-suffering mother, is is true) he got between his father and the night watch, in a conflicting mixture of childlike love and civic duty.  In those cases he would defend his father desperately to keep him from the disgrace of going to jail, even though that made him guilty of resisting the police patrol.  His friends would then intervene to smooth matters over, to console, to protect, using the influence of their respected families, and this must have made a lasting impression, a life-long one.  Beethoven never forgot what they had meant to him, in what a spirit they had helped him at fateful moments in his life” [von Breuning: 29; von Breuning berichtet hier, dass die dunklen Schicksalsfäden in Beethovens Leben bereits früh auftauchten und dass seine jungen, sensiblen und mitfühlenden Freunde, wie ihm sein Vater erzählt habe, an den Problemen des jungen Ludwig teilnahmen.  Er geht hier besonders auf Ludwigs Erfahrungen mit seinem trunksüchtigen Vater ein, der des Nachts auf der Straße den öffentlichen Frieden störte und so mit den Bonner Nachwächtern und Polizisten in Konflikt geriet.  Dabei soll Ludwig seinen Vater verzweifelt verteidigt haben, um ihm die Schande eines Gefängnisaufenthalts zu ersparen und soll dabei selbst durch seinen Widerstand mit der Polizei in Konflikt geraten sein.  Die von Breunings hätten dann in solchen Fällen ihren Einfluß zu seinen Gunsten geltend gemacht, was er ihnen sein Leben lang nicht vergessen habe].

Beethovens Verhalten erinnert uns vielleicht auch an das seiner Mutter:

“Wenn Fischers oft wegen übertriebenen Zulaufes oder großer Unruhe durch die Kinder der Familie Vorstellungen wegen der Hausordnung machten, wurde Madam Beethoven gleich »jähhitzig und gegensprüchig«; war das aber vorüber, dann kamen Herr und Frau van Beethoven gleich zu Fischers, gestanden den Fehler ein, taten Abbitte, und man war beiderseits befriedigt.” [Thayer-Deiters-Riemann, Bd. 1, S. 452].

Maynard Solomon berichtet über Beethovens Eingabe an den Kurfürsten Ende des Jahres 1789:

“The turning point in this poignant entanglement occurred in late 1789, when Beethoven addressed a petition to the elector asking that half his father’s salary be paid to him, and evidently requesting that his father be retired from service and perhaps exiled from Bonn as well.  Beethoven’s petition has disappeared, but the answering decree of November 20, 1789, survives:

“His electoral Highness having graciously granted the prayer of the petitioner and dispenses henceforth wholly with the services of his father, who is to withdraw to a village ein the electorate, it is graciously conmmanded that he be paid in accordance with his wish only 100 rthr. [Rheinthalers] of the annual salary which he has had heretofore, beginning with the approaching new year, and that the other 100 thlr. [thalers] be paid to the supplicating son, besides the salary which he now draws and the three measures of grain for the support of his brothers.” [Solomon: 30; Solomon verweist hier auf Beethovens Eingabe an den Kurfürsten, deren deutschen Text wir Ihnen hier ebenfalls anbieten:  ”Demnach Se. Kurfürstl. Durchlaucht dem Supplikant in der einvermeldeten Bitte gnädigst willfahren und desselben Vater, der sich in ein kurkölnisches Landstädtchen zu begeben hat, von seinen weiteren Diensten hiermit gänzlich dispensieren wollen; mithin mildest verordnet, daß demselben begehrtermaßen nur einhundert Reichstaler von seinem bisherigen jährlichen Gehalt künftig, und zwar im Anfang des eintretenden neuen Jahres, ausgezahlt werden, das andere hundert Taler aber seinem supplizierenden Sohn nebst dem bereits genießenden Gehalt von gedachter Zeit an zugelegt sei, ihm auch das Korn zu 3 Malter jährlich, für die Erziehung seiner Geschwistigen, abgereicht werden soll.  Als wird mehrgemeldetem Supplikant gegenwärtige Ausfertigung darüber erteilt, wonach Kurfürstl. Hofkammer das Fernere zu verfügen, und ein jeder, den es angehen mag, sich gehorsamst zu achten hat” [Quelle des deutschen Textes: Ley: 43].

Dazu Beethovens Gesuch an den Kurfürsten nach dem Tod seines Vaters:

                                                                                      “[Wien, April 1793][2]

Hochwürdigst Durchlauchtester Kurfürst!

Gnädigster Herr!

   Vor einigen Jahren geruhten Ew. Kurfürstliche Durchlaucht, meinen Vater den Hoftenoristen van Beethoven in Ruhe zu setzen, und mir von seinem Gehalte 100 Rthr durch ein g[nädi]gstes Dekret in der Absicht zuzulegen, daß ich dafür meine beide jüngere Brüder kleiden, nähren, und unterrichten laßen, auch unsere vom Vater rührende Schulden tilgen sollte.[3]

   Ich wollte dieses Dekret eben bei Höchstdero Landrhentmeisterei präsentieren, als mich mein Vater innigst bathe, es doch zu unterlaßen, um nicht  öffentlich dafür angesehen zu werden, als seye er unfähig seiner Familie selbst vorzustehen, er wollte mir (fügte er hinzu] quartaliter die 25 Rthlr. selbst zustellen, welches auch bisher immer richtig erfolgte.

   Da ich aber nach seinem Ableben (so im Dezemb. v.J. erfolgte[4]) Gebrauch von Höchstdero Gnade, durch Präsentirung obbenannten g[nädi]gst[en] Dekrets machen wollte, wurde ich mit Schröcken gewahr, daß mein Vater selbes unterschlagen habe.

    In schuldigster Ehrfurcht bitte ich deshalb Eure K[ur]f[ür]stl[ich]e D[ur]chl[au]cht um gnädigste Erneuerung dieses Dekrets, und Höchstdero Landrhentmeisterei anzuzeigen, mir lezthin verflossenes Quartal von dieser g[nädi]g[ste]n Zulage )so Anfangs Februar fällig ware) zukommen zu lassen.

Euer Kurfrürstlichen Durchlaucht

Unterthänigster Treugehorsamster

                                                                   Lud. v. Beethoven Hoforganist. . . . “

[Quelle:  Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 1, Brief Nr. 7, S. 12-13; Original: Düsseldorf, Hauptstaatsarchiv; zu [2]:  laut GA wurde Beethovens Bittschrift im April des Jahres 1793 aufgesetzt, denn das kurfürstliche Dekret wurde bereits am 3.5.1793 erneuert; zu [3]: verweist auf das Dekret vom 20.11.1789; zu [4]: verweist auf Johann van Beethovens Tod am 18. Dezember 1792, Einzelheiten S. 12-13 entnommen.]

Dazu kommentiert Solomon:  “It is a measure of his devotion to his father [and of his inner strength] that Beethoven granted Johann’s plea that he be permitted to retain a fragment of personal dignity” [Solomon: 31; Solomon schreibt hier, dass Beethovens Verhalten Loyalität seinem Vater gegenüber und innere Charakterstärke zeigt].

Über Beethovens Reise im Herbst 1791 nach Mergentheim berichtet Thayer-Deiters-Riemann:

“Nachdem sie einmal in Mergentheim waren, hatte der lustige Monarch und seine fröhlichen Untertanen an andere Dinge zu denken, und sie scheinen in mehrfachem Sinne von sich reden gemacht zu haben.  Jedenfalls hörte Carl Ludwig Junker, Kaplan zu Kirchberg, der Residenz des Fürsten Hohenlohe, von ihnen und kam von dort hinüber, um sie kennen zu lernen. Junker war dilettantischer Komponist und Verfasser von verschiedenen kleinen Schriften über Musik (musikalischen Almanachs, die ohne Namen herauskamen, und ähnlichen), welche sämtlich jetzt, ebenso wie seine Klavierkonzerte, so gut wie vergessen sind; doch in jener Zeit war er ein Mann von nicht geringer Bedeutung in der musikalischen Welt des westlichen Deutschlands. Er kam nach Mergentheim, wurde von den kurfürstlichen Musikern mit großer Aufmerksamkeit behandelt und bewies seine Dankbarkeit durch einen langen Brief in Boßlers Musik. Korrespondenz (23. Nov. 1791), worin die superlativischen Ausdrücke ein wenig übermäßig angewandt sind, welcher uns aber das lebendigste Bild von der Kapelle gibt, das überhaupt existiert. Es ist eigentümlich, daß dieser Artikel beinahe 70 Jahre vergessen gewesen zu sein scheint, bis er von dem Verfasser hervorgezogen und für das Atlantic Monthly magazine (Mai 1858) übersetzt wurde. Es kann keiner Entschuldigung bedürfen, wenn derselbe hier vollständig mitgeteilt wird.” [TDR Bd. 1, 267-268]

“Noch hörte ich einen der größten Spieler auf dem Klavier, den lieben guten Bethofen; von welchem in der speierischen Blumenlese vom Jahr 1783 Sachen erschienen, die er schon im 11. Jahr gesetzt hat. Zwar ließ er sich nicht im öffentlichen Konzert hören; weil vielleicht das Instrument seinen Wünschen nicht entsprach; es war ein Spathischer Flügel, und er ist in Bonn gewohnt, nur auf einem Steinischen zu spielen. Indessen, was mir unendlich lieber war, hörte ich ihn phantasiren, ja ich wurde sogar selbst aufgefordert, ihm ein Thema zu Veränderungen aufzugeben. Man kann die Virtuosengröße dieses lieben, leisegestimmten Mannes, wie ich glaube, sicher berechnen, nach dem beinahe unerschöpflichen Reichthum seiner Ideen, nach der ganz eigenen Manier des Ausdrucks seines Spiels, und nach der Fertigkeit, mit welcher er spielt. Ich wüßte also nicht, was ihm zur Größe des Künstlers noch fehlen sollte.” [TDR Bd. 1, S. 272] 

“Selbst die sämmtlichen vortrefflichen Spieler dieser Kapelle sind seine Bewunderer, und ganz Ohr, wenn er spielt. Nur er ist der Bescheidene, ohne alle Ansprüche. . . .  Hätte ich dem dringenden Wunsche meines Freundes Bethofen, den auch Hr. Winneberger unterstützte, gefolgt, und wäre noch einen Tag in Mergentheim geblieben, ich glaube, Herr Bethofen hätte mir Stundenlang vorgespielt, und in der Gesellschaft dieser beiden großen Künstler, hätte sich der Tag für mich in einen Tag der süssesten Wonne verwandelt. . . .” [TDR, Bd. 1, S. 272]  

Über seinen Aufenthalt in Mergentheim berichtet Thayer-Forbes:

“ . . . Thus, as the elder Simrock related, upon the journey to Mergentheim recorded in the earlier pages of this work, it happened at some place where the company dined, that some of the young men prompted the waiting-girl to play off her charms upon Beethoven.  He received her advances and familiarities with repellent coldness; and as she, encouraged by the others, still persevered, he lost his patience, and put an end to her importunities by a smart box on the ear” [Thayer: 245; Deutscher Text:  “An einem Orte, wo die Gesellschaft unterwegs zu Mittag aß, stachelten einige der jungen Leute das Aufwartmädchen an, seine Reize Beethoven gegenüber geltend zu machen.  Beethoven nahm seine Herausforderungen mit zurückweisender Kälte auf, und als es, von den anderen ermutigt, nicht abließ, verlor er die Geduld und machte seinen Zudringlichkeiten schließlich durch eine Ohrfeige ein Ende . . . “ Quelle: Ley: 52]. 

Zusammenfassend können wir feststellen, dass bereits der Charakter des jungen Beethoven die verschiedenartigsten Züge aufweist:  Verschlossenheit, Zurückgezogenheit, Eigensinn, eine vielleicht von seiner Mutter ererbete leidenschaftliche Loyalität seiner Familie gegenüber, künstlerische Bescheidenheit und Freundlichkeit, und letztendlich auch – zumindest öffentliche – Zurückhaltung dem weiblichen Geschlecht gegenüber.  Zumindest aus diesen Beobachtungen ist nicht festzustellen, dass diese Charakterzüge in extrem schwankender Form zum Ausdruck kamen. 

Mögliche Erkrankungen Beethovens während seiner Kindheits-, Jugend- und jungen Erwachsenenjahre in Bonn

Auch Information zu Beethovens möglichen Erkrankungen in dieser Zeit kann uns zur Abrundung unseres laienhaften Bildes dieses Themenkreises helfen.  Dazu ziehen wir wieder Texte aus der Beethovenliteratur heran und wollen uns keinen weiteren Spekulationen hingeben, sondern die Texte für sich selbst sprechen lassen:

 “Ludwig habe als Kind einen Fehler gehabt, mit welchem er lange behaftet gewesen sei; seine Mutter habe sich darüber nicht äußern wollen, zuletzt aber habe sie Frau Fischer um Rat gefragt; diese habe ihr ein Mittel angegeben, welches auch geholfen habe” [TDR Bd. 1, S. 450].

 In seiner Zeittafel zu Beethoven’schen Lebensdaten führt Kropfinger im Jahr 1787 unter “Krankheiten” (S. 18) Fieber, Engbrüstigkeit und Melancholie an.  Diese Angaben entnahm er gewiss Beethovens Zeilen vom 15. September 1787 an Joseph Wilhelm von Schaden in Augsburg:

 “ . . . so lange ich hier bin, habe ich noch wenige vergnügte stunden genoßen; die ganze Zeit hindurch bin ich mit der engbrüstigkeit behaftet gewesen, und ich muß fürchten, daß gar eine schwindsucht daraus entstehet; dazu kömmt noch melankolie, welche für mich ein fast eben so großes übel, als meine Krankheit selbst ist . . . “ [Quelle:  Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Bd. 1, Brief Nr. 3, S. 5]. 

Aus den folgenden Bemerkungen Thayers erfahren wir, dass Beethoven im Jahr 1792 bereits mit Pockennarben im Gesicht in Wien ankam: 

“Gleich der großen Zahl von Studierenden und anderen jungen Leuten, welche jährlich dorthin kamen, um Unterricht und Lehrer zu finden, war dieser kleine und schmächtige, dunkelfarbige und pockennarbige, schwarzäugige und schwarzhaarige junge Musiker von 22 Jahren in aller Stille zur Hauptstadt gereist, um das Studium seiner Kunst bei dem kleinen und schmächtigen, dunkelfarbigen und pockennarbigen, schwarzäugigen und schwarzgelockten alten Meister weiter zu verfolgen” [TDR Bd. 1, S. 344].

 

Mögliche Rheinlandausflüge Beethovens während seiner Bonner Jahre

Zur Erkundung von Beethovens möglichem Kontakt mit Blei durch das Trinken von Thermalwasser ist es bestimmt nicht abwegig, einen Blick darauf zu werfen, was die Beethovenliteratur in Bezug auf seine Ausflüge rund um Bonn zu berichten hat:

 “Der Kurfürst musste ein Vierteljahr in Münster residieren.  Dann war der »Tucksaal« frei, und die Musiker hatten Vakanz. Um diese Zeit gingen Beethoven, Vater und Sohn, und Fr. Rovantini meist zum Besuche zu Musikliebhabern, welche sie eingeladen hatten; das taten sie aber nicht für Geld, »denn das litt Hr. Beethoven sein Karakter nicht«, sondern zu beiderseitigem Vergnügen. In solcher Zeit ging Cäcilia Fischer viel zu Madam van Beethoven, welcher es ganz recht war, eine Zeitlang der großen Unruhe ledig zu sein; sie beschäftigte sich dann viel mit Handarbeit, Einkäufen usw.

    Nun waren jene schon früher eingeladen zu Herrn von Dalwigk nach Flamersheim, zu welchem sie in einer solchen Vakanz reisten. Er war am Bonner Hofe »einer der schönsten Kavaliere«; er hatte eine Tochter, beide waren Musikfreunde. Von da reisten sie weiter und besuchten einen Pastor Olef in der Sürst, einen Jugendfreund Johanns van Beethoven, einen munteren Herrn und großen Musikfreund, der ihnen Krammetsvögel vorsetzte, Johanns Lieblingsspeise. Von da gingen sie zum Herrn Pastor Deck in der Pfarre Oendorf, der der Schwager von Frau Fischer und auch großer Musikfreund war; und von da zu dem Gutsbesitzer Deck in Oberdrees, ebenfalls Schwager der Frau Fischer. Dann kamen sie nach Ahrweiler, wo sie den Bürgermeister Schopp und seinen Bruder, den Apotheker  Schopp, beides Musikfreunde, besuchten. Von dort kamen sie nach Ersdorf zu Herrn Rheindorf, Bruder von Frau Fischer; der Sohn desselben war später Pastor in Ersdorf, und großer Musikfreund. Von da aufs Röttgen zum Oberförster Ostler, dessen Sohn Musikfreund war. Von da kamen sie dann über Poppelsdorf, wo sie in der Porzellanfabrik bei Herrn Klütsch anriefen und wohl aufgenommen wurden, nach Bonn zurück.

    Von da [heißt es in nachträglicher Hinzufügung] gingen sie auf die andere Seite, nach Hennef zu den Gerichtsherren, nach Bensberg zu dem Herrn, der auf dem Schlosse wohnte, nach Siegburg zu dem Herrn Prälaten; alle waren Musikfreunde.

    Kaum waren sie zurückgekehrt, als sich eine briefliche Einladung des Herrn von Menizar in Niederkassel vorfand; dort blieben sie wieder 14 Tage. Dort fanden sich auch Offiziere vom Bonner Regiment. Herr von Menizar war großer Musikkenner, er besuchte Beethovens oft und hatte seine Freude an Ludwigs Talent; er prophezeite seine Größe” [TDR Bd. 1, S. 464-466].   

“Auch der Onkel Johann Philipp von Breuning in Kerpen mag nicht ohne Einfluß auf die geistigen Fortschritte des jungen Musikers gewesen sein, »zu dem die Familie mit ihren Freunden alljährlich auf 5-6 Wochen in die Vakanz zog. Auch Beethoven brachte mehrmals einige Wochen recht fröhlich dort zu, wo er häufig angehalten wurde Orgel zu spielen” [TDR Bd. 1, 229-230].   

“Zu Ostern reisten wir wieder nach Bonn. Eine Stunde von dieser Residenz liegt ein Dorf, Godesberg, wo ein Gesundbrunnen befindlich ist. Der jetzige Churfürst hat diese von Natur reizende Gegend durch seine Anlagen zu einem Paradiese gemacht; und täglich sucht er den Aufenthalt daselbst interessanter zu machen. Er selbst hat sich ein kleines ländliches Haus bauen lassen, wo er gern ein paar Tage wöchentlich im Sommer wohnt” [TDR Bd. 1, S. 340-341]. 

“Professor Wurzer zu Marburg erzählte in einem Brief, den C. M. Kneisel in der Köln. Ztg. (1838, 30. Aug.) mitteilte, folgende hübsche Anekdote: »Im Sommer des Jahres 1790 oder 1791 war ich eines Tages in Geschäften am Godesberger Brunnen. Nach Tisch kommt Beethoven mit einigen jungen Männern auch dahin. Ich erzählte ihm, daß die Kirche zu Marienforst (Kloster hinter Godesberg im Busche) reparirt und aufgeputzt worden, und dies sei auch der Fall mit der dasigen Orgel, die entweder ganz neu, oder doch sehr vervollkommnet worden sei. Die Gesellschaft bat ihn, ihr die Freude zu machen und auf derselben zu spielen. Seine große Gutmüthigkeit gewährte bald unsere Bitte. Die Kirche war geschlossen: aber der Prior war sehr gefällig und ließ uns dieselbe öffnen. B. fing nun an, Themata, die ihm die Gesellschaft aufgab, zu variiren, so daß wir wahrhaft davon ergriffen wurden; aber was weit mehr war, und den neuen Orpheus verkündigte: gemeine Arbeitsleute, die unten in der Kirche das durch das Bauen Beschmutzte rein machten, wurden lebhaft davon afficirt, legten vor und nach ihre Werkzeuge hin, und hörten mit Staunen und sichtbarem Wohlgefallen zu. Sit ei terra levis!« - “ [TDR Bd. 1, S. 260]. 

 

Bleivorkommen im Rheinland zu Beethovens Zeit

In bezug auf Beethovens mögliches Trinken der bleihaltigen Thermalquellen  sollten wir vielleicht auch einen Blick auf Internetlinks zu Information über Orte im Rheinland, in denen bereits im 18. Jahrhundert Thermalquellen benutzt wurden oder in denen Bleibergbau betrieben wurde, werfen: 

Linksrheinischer Bleibergbau: 

In bezug auf den Bleibergbau im Ahrtal können wir Ihnen den folgenden Link anbieten: 

http://www.ahrtal.de/r_denkmal.htm

 

“Die alten Erzbergwerke und der Bergbau bei Kirchdaun


Der Untertagebau, bei dem vor allem Eisenherz und Buntmetalle, wie Kupfer und Blei abgebaut wurden, konzentrierte sich bei Kirchdaun in der Zeit von etwa 1739 bis 1793 vor allem an den Plätzen Goldgrube, Scheid, das Arget und die Eisenschächte Urbers. Im Außenraum sind als sichtbare Charakteristika des Bergbaus noch heute Gesteinshalden, Schürfgruben und -gräben sowie Trichter von zerschütteten Schächten zu erkennen” [Quelle: o.g. Link, eingesehen am 10. Januar 2006].

 

Die folgende Internetquelle: 

http://www.eifelfuehrer.de/K/Kirchdaun.html 

bezeichnet Kirchdaun als einen Stadtteil von Bad Neuenahr-Ahrweiler, mit 400 Einwohnern.  Ein Ortsteil dieser rheinischen Kurstadt ist auch das alte Beul an der Ahr, in dem Helene von Breuning zu Beginn des 19. Jahrhunderts einige Jahre bei ihrer Schwester verbracht haben soll.  [Eingesehen am 10. Januar 2006]. 

Rechtsrheinische Bleivorkommen: 

In unserer Textsammlung zu Beethovens Ausflügen in die Umgebung Bonns begegnet uns auch der rechtsrheinische Ortsname “Hennef”, was sich wohl auf Bad Honnef am Drachenfels im Siebengebirge bezieht.  Der folgende Internetlink:

 http://www.rheinreise.de/BadHonnef-3.html

weiß auch zu berichten:  “Im 18. und 19. Jahrhundert wurden Blei-, Zink- und Kupfererze gefördert” [eingesehen am 10. Januar 2006]. 

Sehr viel weiter südöstlich liegt Bad Ems an der Lahn, also etwas flußaufwärts vom Geburtsort von Beethovens Mutter, Ehrenbreitstein.  Dazu können wir Ihnen den folgenden Link bieten: 

http://www.bad-ems.info/tourismus/tourismus_aktuelles.php?t_akt_id=186

Der darin angebotenen Information zufolge war Bad Ems bereits im 18. Jahrhundert ein florierender Kurort, jedoch stand dort auch “eine der bedeutendsten Blei- und Silbergruben des Rheinlandes in Betrieb” [Eingesehen am 10. Januar 2006].

 

Erste biographisch erfasste Anzeichen von Beethovens Unterleibskoliken

Nach unserem Blick auf Beethovens möglichen Kontakt mit Blei während seiner Bonner Jahre und auf Internetinformation zu Bleivorkommen im Rheinland des 18. Jahrhunderts führt uns unsere chronologische Betrachtung seiner Wiener Zeit entgegen.  Wie Thayer-Deiters-Riemann berichtet, 

“Die jährlich wiederkehrenden Konzerte im Burgtheater, welche von Fl. L. Gaßmann zum Besten der Witwen der Tonkünstlergesellschaft eingerichtet worden, waren diesmal auf den Abend des 29. und 30. März (1795) angekündigt. Das zur Aufführung gewählte Vokalwerk war ein Oratorium in zwei Teilen, Gioas, Ré di Giuda, von Antonio Cartellieri; das Instrumentalwerk ein Konzert für Klavier und Orchester, komponiert und gespielt von Ludwig van Beethoven. Cartellieri war ein junger Mann von 23 Jahren, geboren zu Danzig den 27. September 1772, welcher ein oder zwei Jahre vorher von Berlin gekommen war, um bei Salieri Opernkomposition zu studieren. Da die Leitung dieser Witwen- und Waisenkonzerte fast ausschließlich in den Händen Salieris war, so wären wir beinahe versucht zu glauben, daß derselbe bei dieser Gelegenheit einer verzeihlichen Eitelkeit nachgab, zwei seiner Schüler vorzuführen, wenn wir nicht wüßten, eine wie starke Anziehungskraft der Name Beethovens schon damals auf das Publikum haben mußte; dasselbe hatte ja noch keine Gelegenheit gehabt, seine durch Hörensagen ihm bereits bekannten Fähigkeiten unmittelbar kennen zu lernen. Der Tag der Aufführung kam näher, aber das Konzert war noch nicht ausgeschrieben. »Erst am Nachmittag des zweiten Tages vor der Aufführung seines ersten Concerts (C-dur)«, sagt Wegeler S. 36, »schrieb er das Rondo und zwar unter heftigen Kolikschmerzen, woran er häufig litt. Ich half durch kleine Mittel, so viel ich konnte. Im Vorzimmer saßen vier Copisten, denen er jedes fertige Blatt einzeln übergab” [TDR Bd. 1, S. 398-399; Fettdruck durch die Verfasserin dieser Zusammenstellung]. 

 

Zur möglichen Infektion Beethovens in den Jahren 1796 – 1797

 Zu diesem Thema berichtet Thayer-Deiters:

 “Außer dieser Bemerkung über sein Betragen und Verhalten findet sich eine vollständige Lücke in der Geschichte Beethovens von seinem Auftreten in der Berliner Singakademie bis zum folgenden Oktober  23). Das sogenannte Fischhoffsche Manuskript enthält zwar eine Notiz über eine gefährliche Krankheit, welche sich Beethoven durch seine eigene Unvorsichtigkeit in diesem Sommer zugezogen hätte; da diese jedoch in ihrem Datum völlig unvereinbar ist mit anderen bekannten Tatsachen, so wird sie die ihr gebührende Betrachtung weiter unten finden” [TD Bd. 2, S. 19].  

“Es ist sehr möglich, daß er die Krankheit, welche das Fischhoffsche Manuskript erwähnt, im Laufe des Sommers 1797 überstanden hat. Ohne Zweifel ist Zmeskall die ursprüngliche Quelle für diese Angabe, und die Tatsache eines derartigen Krankheitsanfalles wird demnach als sicher anzunehmen sein; da jedoch das dort gegebene Datum 1796 offenbar unrichtig ist, so muß sowohl dieses als die Folgerung, daß in ihr der erste Grund zu dem darauf folgenden Verluste des Gehörs lag, in das Bereich der Vermutung verwiesen werden. Vom Mai bis zum Oktober 1797 ist aber die Geschichte Beethovens noch gänzlich unbekannt; und wäre nicht das völlige Stillschweigen von Lenz von Breuning in seiner Korrespondenz mit seiner Familie in Bonn über einen Gegenstand, der sein Mitgefühl so heftig erregen mußte, wie eine gefährliche Krankheit seines Freundes, so würden wir durch nichts gehindert sein, anzunehmen, daß Beethoven in dieser Zeit ans Krankenbett gefesselt gewesen sei” [TD Bd. 2, S. 22-23].

 

Zu Beethovens Charakterzügen während seiner ersten Wiener Jahre

Die besten Zeugen für Beispiele von Beethovens Verhalten und Charakterzügen, die er während seiner ersten Wiener Jahre an den Tag legte, sind seine eigenen Worte. 

 Am 2. November 1793 schreibt er an seine Bonner Freundin Eleonore von Breuning:

 “Verehrungswürdige Eleonore!

Meine theuerste Freundin!

     Erst nach dem ich nun hier in der Hauptstadt bald ein ganzes Jahr verlebt habe, [1] erhalten sie von mir einen Brief, und doch waren sie gewiß in einem immerwärenden lebhaften Andenken bey mir.  Sehr oft unterhielt ich mich mit ihnen und ihrer lieben Familie, nur öfters mit der Ruhe nicht, die ich dabey gewünscht hätte, da war’s, wo mir der fatale Zwist noch vorschwebte, wobey mir mein damaliges Betragen so verabscheuungswerth vorkam, aber es war geschenen; o wiel viel gäbe ich dafür, wäre ich im Stande meine damalige mich so sehr entehrende, sonst meinem Charakter zuwider laufende Art zu handeln ganz aus meinem Leben tilgen zu können.  Freylich waren mancherley Umstände, die unß immer von einander entfernten, und wie ich vermuthe, war das Zuflüstern von den wechselweise gegen einander gehaltenen Reden von einem gegen den andern, hauptsächlich dasjenige, was alle Übereinstimmung verhinderte.  Jeder von unß glaubte hier, er spreche mit wahrer überzeugung, und doch war es nur angefachter Zorn, und wir waren beyde getäuscht, ihr guter und edler Charackter meine liebe Freundin bürgt mir zwar dafür, daß sie mir längst vergeben haben, aber man sagt, die aufrichtigste reue sey diese, wo man sein verbrechen selbst gesteht, dieses habe ich gewollt. – und lassen sie unß nun den Vorhang für diese ganze Geschichte ziehen, und nur noch die Lehre davon nehmen, daß, wenn Freunde in streit gerathen, es immer besser sey, keinen vermitteler dazu zu brauchen, sondern der Freund sich an den Freund unmittelbar wende” [Quelle:  Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Bd. 1, Brief Nr. 11, S. 16-18; Original:  Koblenz, Slg. Wegeler; zu [1]:  verweist darauf, dass Beethoven Bonn am 2.11.1792 verlassen hatte, um bei Haydn in Wien Kompositionsunterricht zu nehmen]. 

In seinem Brief vom Sommer 1792 an Eleonore von Breuning [GA Bd, 1, Brief Nr. 4, S. 9-10] kommt Beethoven auch bereits auf den Verlust der Freundschaft zu ihr zu sprechen, was darauf schließen lässt, dass es sich vielleicht um ein und dieselbe Verstimmung handelt, die vor seinen Zeilen vom Sommer 1792 entstanden sein muss.

Beethovens Charakterzug seiner sehr großen Reue- und Einsichtsfähigkeit leuchtet uns auch aus seinen Zeilen an Franz Gerhard Wegeler aus der Wiener Zeit um 1795 entgegen: 

“Lieber, Bester! 

    In was für einem Abscheulichen Bilde hast du mich mir selbst dargestellt!  O ich erkenne es, ich verdiene deine Freundschaft nicht, du bist so edel, so gutdenkend, und das ist das erstemal, daß ich mich nicht neben dir stellen darf, weit unter dir bin ich gefallen, ach ich habe meinem Besten, edelsten Freund 8 wochen Lang verdruß gemacht, du glaubst, ich habe an der Güte meines Herzens verlohren, dem Himmel sey dank; nein; -- es war keine absichtliche, ausgedachte Boßheit von mir, die mich so gegen dich handeln ließ, es war mein unverzeihlicher Leichtsinn, der mich nicht die sache in dem Lichte sehen ließ, wie sie wirklich war. – o wie schäm ich mich für dir, wie für mir selbst – fast traue ich micht nicht mehr, dich um deine Freundschaft wieder zu bitten – Ach Wegeler nur mein einziger Trost ist, daß du mich fast seit meiner Kindheit kanntest, und doch o laß mich’s selbst sagen, ich war doch immer gut, und bestrebte mich immer der Rech[t]schaffenheit und Biederkeit in meinen Handlungen; wie hättest du mich sonst lieben können? – sollte ich den[n] jezt seit der kurzen Zeit aufei[n]mal mich so schrecklich, so sehr zu meinem Nachteil geändert haben – unmöglich, diese Gefühle des Großen und Guten sollten alle aufeinmal in mir erloschen seyn?  Nein Wegeler lieber, Bester, o wag es noch einmal, dich wieder ganz in <deinem>die Arme deines B. zu werfen baue auf <das>die guten <Freunde> Eigenschaften, die du sonst in ihm gefunden hast, ich stehe dir dafür, den neuen tempel der heiligen Freundschaft, den du darauf aufrichten wirst, er wird fest, ewig stehen, kein Zufall, kein Sturm wird ihn <aus>in seinen Grundfesten erschüttern können – fest, -- Ewig -- unsere Freundschaft – verzeihung – vergessenheit wieder aufleben der sterbenden sinkenden Freundschaft – o wegeler verstoße sie nicht diese Hand zur aussöhnung, gib die deinige in die meine – Ach Gott, -- ach nichts mehr – ich selbst komm zu dir, und werfe mich in deine Arme, und bitte um den verlohrnen Freund, und du giebst dich mir, dem reuevollen, dich liebenden, dich nie vergessenden

                                                                                      Beethoven

                                                                                                                         Wieder.

    Jezt eben hab ich deinen Brief erhalten, weil ich erst nach hause gekommen bin – “ [Quelle:  GA Bd. 1, Brief Nr. 19, S. 27-28; Original:  Koblenz, Slg. Wegeler]. 

Im Umgang mit seinen “Wiener” Freunden schlägt Beethoven oft einen anderen Ton an, wie zum Beispiel in diesen Zeilen an Christine Gerhardi: 

                                                              “[Wien, vor dem 20. August 1798][1]

 

    liebe Chr. Sie haben gestern etwas hören laßen wegen des Conterfeis von mir – ich wünschte, daß sie dabey doch etwas Behutsam verführen ich fürchte, wenn wir das Zurückschicken von <der> seite dr F. wählen, so mögte vieleicht der fatale B. oder der erzdumme Joseph sich hienein mischen, und dann mögte das Ding noch auf eine Chikane für mich gemünzt werden, und das wär wirklich fatal, ich müßte mich wider währen, und das verdient den doch die ganze populasse nicht, -- suchen sie das ding zu erwischen so gut als sich’s thun läßt, ich versichere sie, daß ich hernach alle Maler in der Zeitung bitten werde, mich nicht mehr ohne mein Bewußtseyn zu malen, dachte ich doch nicht, daß ich durch mein eignes Gesicht noch in verlegenheit kommen könne.  Wegen der Sara wegen des Hut Abziehens, das ist gar zu dumm und zugleich zu unhöflich, als daß ich so etwas wägen könnte, erklären sie ihr doch die rechte des spazierenGehens, -- 

adie hol sie der Teufel. – “ [Quelle:  GA Bd. 1, Brief Nr. 34, S. 42; Original:  Bonn, Beethoven-Haus; zu [1]:  verweist laut GA auf den Ton des Briefes, besonders den scherzhaften Schluss, der darauf schließen ließe, dass Beethoven diese Zeilen noch vor der Hochzeit Christine Gerhardis am 20. August 1798 geschrieben hatte]. 

Berühmt sind natürlich seine vielen Kurznachrichten an seinen Freund Nikolaus Zmeskall, wie zum Beispiel diese Zeilen aus dem Jahr 1798:   

    liebster Baron Dreckfahrer[2] je vous suis bien oblige our votre faiblesse de vos yeux.[3]—übrigens verbitte ich mir in’s künftige mir meinen frohen Muth, den ich zuweilen habe, nicht zu nehmen, denn gestern durch ihr Zmeskal-domanovezisches geschwäz bin ich ganz traurig geworden, hol’ sie der Teufel, ich mag nichts von ihrer ganzen Moral wissen, Kraft ist die Moral der Menschen, die sich vor andern auszeichnen, und sie ist auch die meinige, und wenn sie mir heute wider anfangen, so plage ich sie so sehr, bis sie alles gut und löblich finden was ich thue (denn ich komme zum schwanen, im Ochsen[4] wär’s mir zwar lieber, doch beruht das auf ihrem Zmeskalischen-domanovezischen Entschluß.  (response) adieu Baron Ba….ron  r o n nor /orn/ rno / onr /

(vila quelche chose aus dem alten versazAmt[5][)]” [Quelle: GA Bd, 1, Brief Nr. 35, S. 43-44; Original;  Cambridge, Fitzwilliam Museum; zu [2]:  verweist auf eine Ausdeutung des tschechischen Namens des Adressaten [zemekall = versäumt, verpaßt; zmetek = Herumlungerer, Zeitvertrödler]; zu [3]: verweist darauf, dass sich Beethoven vermutlich eine Brille ausgeliehen hatte; zu [4]: verweist auf das Wiener Gasthaus “Zum weißen Schwan”, einem Lieblingstreffpunkt Beethovens und Zmeskalls; zu [5]:  verweist wohl auf Zmeskall als dem Verleiher der Brille]. 

Den einzigen Schluss, den sich diese Laiin zu diesen Briefen erlaubt ist der, dass Beethovens Briefe an seine ihm sehr wertvollen, engen Bonner Freunde seiner Jugend eine sehr ausgeprägte Einsichtsbereitschaft in seine eigenen, diesen Freunden gegenüber begangenen Fehler zeigt, die auch später für ihn noch charakteristisch sein würde.   

Mit diesem Blick auf einige Briefe Beethovens aus seiner Wiener Zeit der 1790er Jahre wollen wir schließen, da wir aus seinen berühmten Briefen aus dem Jahr 1801 an seine Freunde Carl Friedrich Amenda und an Dr. Franz Gerhard Wegeler  und aus seinem sogenannten Heiligenstädter Testament eingehend mit seinen Sorgen und Nöten in Bezug auf seinen beginnenden Gehörverlust und auf seine Leibschmerzen vertraut gemacht werden und da sich dieser Themenkreis von diesem Zeitpunkt an mit seinem weiteren Leben und Wirken so sehr verquickt, dass eine eingehende Betrachtung dieser Themenkreise den Rahmen unserer kurzen Betrachtung gewiss sprengen würde.  Wir hoffen, dass Ihnen das hier Gebotene einige Anregung bieten konnte. 

Literatur:

Außer den oben zitierten Internetquellen standen uns folgende Werke zur Verfügung: 

Ley, Stephan:  Beethoven.   Sein Leben in Selbstzeugnissen Briefen und Berichten.  Berlin: Propyläen-Verlag, 1938.

Ludwig van Beethoven.  Briefwechsel Gesamtausgabe. [6 Bände]  Im Auftrag des Beethoven-Hauses Bonn herausgegeben von Sieghard Brandenburg.  München: 1996, G. Henle Verlag.

Solomon, Maynard. Beethoven. New York: Schirmer Books, Paperback Edition 1979.

Thayer's Life of Beethoven, edited by Elliott Forbes. Princeton, New Jersey Princeton University Press, 1964.

Thayer, Alexander Wheelock: Ludwig van Beethovens Leben. Nach dem Original-Manuskript deutsch bearbeitet von Hermann Deiters, 5 Bände, Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1907 (Bd. 4), 1908 (Bd. 5), 1910 (Bd. 2), 1911 (Bd. 3), 1917 (3. Aufl., Bd. 1).

Copyright 2006:  Ingrid Schwaegermann